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Meisterstück Der Lehrling hat drei
geeignete Schraubenmuttern aus der Kiste gekramt. Alt sind sie nicht, neu auch
nicht, alle drei leicht unterschiedlich in Format und Ausführung, gleich allen
nur das innen liegende Gewinde, M vierzehn und das Material. Unvorstellbare
Kräfte muss es aushalten, versagen darf es nicht. Bester, feinster,
hochlegierter Edelstahl. Gerade gut genug. Die Werkstatt ist leer
und still, er hat gewartet bis zum Feierabend, der Meister hat den Schlüssel
anvertraut. Die Kollegen wissen nichts, diese Arbeit hier ist privat. Ganz
verdammt privat sogar. Der Lehrling will nicht einmal, dass es jemand sieht. Am Anfang ist der
Plan. Die Idee kam in der Nacht, der ersten Nacht und sie beflügelte ihn wie
nie etwas zuvor. Noch in derselben Minute hat er Maß genommen, heimlich wie ein
Spion und mit so schlichtem Mittel, dass er noch jetzt darüber lächeln muss.
Kein Stahlmaß, keine Schublehre war greifbar und es musste schnell gehen und
sanft. Ein Stückchen Schnur genügte. Es wird gut werden. Dreimal hat er
gemessen. Er tritt an die
Werkbank heran. Ohne Ordnung keine gute Arbeit, weiß er. Dürr und zittrig ist
die Stimme des Altgesellen geworden, dennoch nicht müde, die alten Lehren zu
wiederholen. Dürr und zittrig auch dessen Hände, wenn sie die modernen
Maschinen oder die Computertastaturen bedienen sollen, fest und sicher jedoch
immer noch sein Griff um das Holz an Feile und Hammer und niemand hier kann
eine Oberfläche so spiegelnd schlichten wie er. Der Lehrling erinnert sich, wie
oft er selbst mit Grob- und Schruppfeile geschwitzt hat, geflucht und geheult
fast angesichts der nicht weichen wollenden Millimeter im Stahl, verzweifelt am
ständig wechselnden, doch nie schwindenden Lichtspalt unter dem Anschlagwinkel.
Wie er die Werkzeuge durcheinander warf, grob auf Haufen rechts und links des
Schraubstocks türmte; manchen Fehlgriff hat er getan beim Werkzeugwechsel, das
Auge am Werkstück, wütend ob der scheinbaren Sinnlosigkeit seiner Fertigung,
erbost über Schmerz, wenn die Finger das Sägeblatt packten statt des Griffs.
Bis er lernte, dass man sein Handwerkszeug blind findet, wenn es in fester
Ordnung auf der Werkbank liegt. Dass er nur dann alles Gefühl beim Eisen hat,
wenn er nicht denken muss, nicht suchen. Alles liegt bereit. Zuerst mach sauber.
Wer Dreck anreißt, reißt gar nichts an. Die im Rost noch sichtbare Linie
verschwindet schnell, wenn Hände und Werkzeuge das Oxid zerpulvern, den
Werkstoff blank reiben. Er wäscht die Muttern im Lösungsbad, sauber und
fettfrei müssen sie sein, trocken danach und ohne Fleck. Dafür gibt es Lappen
und Bürsten und die Schwabbelscheibe an der Maschine. Der Stahl blinkt und
lässt sich greifen. Gut nun. Weiter. Die Anreißlehre.
Gemessen hat er dreimal, dreimal die Einstellung kontrolliert. Die Dicke des
Sägeblatts kalkuliert, den Schnittabfall berechnet. Der Lehrling setzt an, dem
ersten Stück den ersten Stich zu geben. Drei wird er herstellen, ein Paar nur
wird verwendet werden. Er rechnet mit Fehlern, aber nicht mit Gnade. Nur
Fehlerloses wird bestehen, denn er wird sein eigener Richter sein. Die Risse sind gut
geworden. Er könnte nun die Werkbank verlassen, die automatische Säge nutzen.
Er tut es nicht, das Sägeblatt dort ist zu dick. Die Handbügelsäge wird
gegriffen, neu ist das Blatt hier, frisch gewechselt und leicht gefettet,
automatisch kontrolliert er Zahnstellung und Spannung. Der Griff ist nicht
gespalten und nicht neu, gut eingearbeitet hat er das Werkzeug. Vorsichtig
setzt er an, der erste Strich, der zweite. Auch der dritte bahnt nur die Spur.
Die Automatische würde das von selbst besorgen, würde automatisch auch mit
Bohrmilch kühlen, dazu automatischen Vorwärtsdruck geben. Nicht hier und nicht
bei diesem. Er will den Stahl spüren, jeden Strich, jede Muskelspannung will er
fühlen, auch den Schreck, wenn es fehlgeht und die Erleichterung, wenn die
Korrektur gelingt. Die Wärme, die seine Kraft bewirkt. Die Leichtigkeit dann,
wenn sich Wissen und Übung zum sicheren Gefühl verbinden. Und lang durchziehen
das Blatt. Wir haben die ganze Säge bezahlt. Sechs Teile liegen
bald auf dem alten Holz der Werkbank, das Sägeblatt ist heiß, die Handflächen
schmerzen. Die Schublehre misst, einmal, fünfmal, zwanzigmal. Dreimal zwei
Paare, nur eins wird er verwenden, nur eines und nur zwei aus einem. Er
sortiert nicht, lässt die Paare beisammen. Nun muss geschlichtet werden. Die Grate sind schnell
entfernt, nun gilt es. Die Schlichtfeile ist klein und leicht und eben darum
schnell verkantet. Ein Fehlstrich nur und die Oberflächen sind gefährdet,
unsicher ist, wie viel das Nachpolieren glätten kann. Die groben Backen des
Schraubstocks sind erweicht worden durch dickes, gekantetes Aluminiumblech, das
die eigentlichen Stücke hält. Keine Abdrücke vom Hartstahl dort, dennoch fest
umspannt und sicher sind sie. Winzig nur die Bearbeitungsflächen, oft und öfter
und immer wieder die tausendmal zehntausendfach in Hand und Arm gewachsenen
Bewegungen des Ausspannens, Umspannens und Einspannens, blitzschnell und sicher
der Kontrollgriff nach dem letzten Zug, weich und fließend die Drehbewegung des
Hebels, nichts roboterhaftes, nichts ruckartiges entfaltet roh die maximale
Kraft. Ein Mensch arbeitet hier. Die Stunden vergehen.
Noch ist nicht Nacht, es ist Sommer und er hat gut geplant, er ist nicht müde.
Entschlossen ist er und sich sicher. Es wird sein Bestes werden. Wieder wäre
Maschinenkraft möglich, Maschinenpräzision, Maschinenschnelle. Nicht einen
Blick ist ihm das wert. Die Reibahle setzt an, per Hand getrieben das Gewinde
der Muttern auszureiben, abzuschneiden, fein herunterzuraspeln auf das sichere
Maß. Zwei Maße braucht er nun, Zehntel und feiner noch im Unterschied, aber
doch zwei Maße in zwei Werkstücken, die vorher eines gewesen sein müssen, so
sein Anspruch. Aus einem Teil zu zweien, damit zwei Teile eines werden. Nicht mehr,
nichts weniger. Späne fallen. Die
Handhabung der Reibe erfordert Kraft. Und noch mehr Sorgfalt, wenn das möglich
ist. Lässt hier ein Ruck den Span zerbrechen, bleibt eine Kerbe im Metall, die
ausgeschliffen werden muss und Maß kostet. Und grade hier ist wenig Toleranz.
Und grade hier muss rund und samtig werden, was scharfkantig und schneidend
war. Er hält inne. Nachmessen wieder, wie
so oft. Zu weit bereits und noch ist nichts geschliffen. Dem Werkstück selber
ist nichts anzusehen. Doch Maß ist Maß und somit Ende hier für dieses Paar.
Zwei aus. Noch vier. Deren Maße stimmen
bisher, die Oberflächen sind gleichmäßig und halbwegs glatt, die Innenflächen
bergen noch den Schatten des Gewindes. Ganz soll es nicht verschwinden, halten
soll es noch weniges, weiches. Eine Frage des Gefühls. Er probiert. Zwei zu
fest, das ist so richtig, das Schleifen wird den Rest anpassen. Eines zu
locker, wie immer er es dreht. Ein Zehntel nur, wenn überhaupt, er hätte besser
messen sollen, zwei Strich zuvor. Das letzte Paar nun noch und keinen Raum für
Fehler. Die Zeit ist fortgeschritten. Das Wichtigste zuletzt
und nun doch die Maschine. Für die ist Präzision das Wesen ihrer selbst und so
kaum Arbeitsschaden möglich. Wenn nur kein Fehler kommt. Messen, messen,
anreißen, vorkörnen, nachmessen und der finale Schlag. Einspannen und noch
einmal messen, zweimal. Beherzter Griff zu Schalter nun und Hebel, der Motor
summt, die Spindel dreht und sinkt herab. Der erste Bohrer bleistiftminendünn,
der zweite wird die Senkung setzen. Noch weiß der Lehrling nicht genau, wie
das, was er geplant hat, machbar ist, aber er vertraut dem Anderen, dem er die
Hälften übergeben wird. Handwerker auch der, seit Jahr und Jahren schon, im
Dienst der Eltern einst vor langer Zeit. Noch immer leben seine Stücke. Der Bohrer kreischt
nicht, Vorsicht führt die Spindel und er vergisst die Kühlung nicht. Blanker
Span kringelt auf, harter Stahl muss härterem weichen. Das nicht durchbrochen
werden soll ist schwierig, doch alle Vorbereitung war perfekt und seine Hand
bleibt ruhig und so gelingt´s. Der Lehrling ist zufrieden. Der letzte Schliff
nun, vorerst mit den Händen, den feinen Bohrergrat entfernt der
Dreikantschaber. Doch spiegeln sollen alle Oberflächen und so geht es weiter
mit den Läppchen, die fein die Schleifpaste verteilen; die Handmaschine, die
sonst kleinste Rillen fräst, taugt auch dafür, Polierbürste zu sein. Mit
Höchstdrehzahlen und mit festgedrehter Watte wird selbst unter Lupenaugen kein
Kratzer und kein Fehler sichtbar sein. Die Dunkelheit ist da,
die Werkbank ist gereinigt. Vier Stück im Schrott, nur zwei in
schweißzerriebner Hand. Der Lehrling geht. Das Letzte wird ein andrer werken
müssen. "Deshalb hast du
also gefragt, wie der Schleifwinkel ist. Du hättest doch sagen können, was du
vorhast." Der alte Uhrmacher ist
oft noch nachts in seiner Werkstatt. Er kennt den Jungen, der jetzt vor ihm
steht, wie dessen Eltern und fast jeden in der kleinen Stadt. Er hat gewartet,
wie versprochen. Die Zirkone liegen vor ihm auf dem mit Werkzeug überstreuten
Tisch. "Ich wusste gar
nicht, ob ich´s mache." Der Lehrling druckst. "Ob ich´s hinkrieg´.
Ob´s richtig ist." Er zuckt die Schultern. Neben den Zirkonen liegen die
Hälften der ehemaligen Edelstahlmutter, zwei plastische Oktaeder, frisch und glänzend,
exakt identisch auf den ersten Blick und jeder Winkel stimmt aufs Haar.
Gesenkte Bohrungen im Stahl, dort, wo die Steine sitzen sollen. Innen die Spur
des ehemaligen Gewindes, rundgeschliffen, glatt, zum besseren Sitz gedacht.
Dass die Öffnungen unterschiedlich groß sind, fällt dem Auge nicht auf.
"Kriegen sie´s hin?" "Natürlich",
sagt der Alte. Er kratzt im kurzen weißen Bart herum und weiß nicht, was er
reden soll. "Natürlich krieg´ ich´s hin, natürlich doch. Keine
Bange." "Okay." Der
Lehrling kramt das Geld hervor. "Also, wie abgemacht." Er legt die
Scheine auf den Tisch, ein paar Münzen dazu. Sucht noch einmal in der Tasche
nach. Da ist nichts mehr. Der Alte sieht´s und
hustet heiser, denn er spürt, er kann nichts sagen. Wie oft stehen sie im Laden
und schieben Plastik übers Tresenglas. Für Gold und Weißgold, Platin, Silber.
Wie oft hat er sie paarweise verkauft und einzeln zurückgenommen, nach Jahren,
einmal auch nach Wochen schon. Und nun der hier, mit den schmalen Händen, dünn
und zäh, doch immer wie geduckt. Die erste Uhr hat er ihm angepasst, das ist
noch gar nicht lange her. Nicht lange? Ewigkeiten. "Kleben sie die
ein?" Der Lehrling streckt den Finger aus, stupst vorsichtig die
Kunststeine herum. "Das muss richtig gut halten, wissen sie. Wir fahren
Mountainbike und so und das rüttelt ganz schön und so..." Das Räuspern gibt die
Stimme wieder. "Keine Bange." Der Uhrmacher nimmt die Mutternringe
und klemmt sich geschickt die Lupe ans Auge, mustert die Bohrungen.
"Sauber gemacht, wirklich sauber", sagt er. Und lässt die Lupe
fallen, fängt sie auf, er denkt nicht dran dabei, man sieht es. "Ich werde
sie versenken, die Oberfläche wird ganz glatt. Die werden halten bis zur
Ewigkeit. Was soll ich gravieren?" Die Hand ruckt zur
Hosentasche. "Ich hab..." "Das ist schon
inbegriffen." Der Alte ist jetzt sehr geschäftig, schiebt die Zirkone in
eine Tüte, legt Stahl in eine Schachtel, die Tüte dazu, schließt den
Pappdeckel, schreibt einen Namen drauf. Macht ein Kreuz für bezahlt. Die
Schreiberspitze wartet. "Also was?" "Ich
dacht´..." Der Junge stockt. Das hat er nicht berechnet. "Das
Datum", sagt er dann. "Ich wollt´ das Datum. Aber in der Werkstatt
haben wir nur große Schlagzahlen und das wäre nicht...ich meine, eigentlich
schon, aber..." "Zu grob",
hilft ihm der Uhrmacher. "Zu groß." "Ich hab was
kleineres, ganz klein". "Ganz klein,
ja." "Gut, also
welches Datum?" "Mittwoch",
platzt es hervor. "Am Mittwoch war´s." Die Lippen des Alten
zucken. „Mittwoch“, wiederholt er. Ein Lächeln gräbt sich in den Borstenbart. „Naja“, sagt der
Junge. Er senkt den Kopf und schweigt verlegen, der Weißbart ahnt, wie ihm
zumute ist. Man hat´s nicht so mit Zahlen. „Warum nicht“, sagt er
ruhig. Und er schreibt Mittwoch auf den Schachteldeckel. |