Die Blogosphäre-
Inhaltliche Strukturen deutschsprachiger Weblogs
Eine Analyse von publizistischen Potenzialen
und thematischen Schwerpunkten
Von Frank Unger
Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium im Hauptfach Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden
14. März 2005
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94305, USA.
0
Einleitung und Anmerkungen zum Aufbau der Arbeit
1.
Spezifische Eigenschaften der Medienform Weblog
1.1
Auf dem Weg zu einer Definition von Weblogs
1.1.1
Historische Entwicklung von Weblogs
1.1.2
Softwarelösungen für Weblogs
1.1.3
Gebräuchliche Features von Softwarelösungen
Strukturierbarkeit
von Inhalten
1.1.4
Zur statistischen Erfassung der Blogosphäre
1.1.5
Definition des Weblogs als Medienform..
1.2
Charakteristika von Weblogs als Publikationsform
1.2.1
Die Blogosphäre als Community
Eigenschaften
der Weblogcommunity
1.2.2 Potenzial
von Weblogs als Alternative zu journalistischen
Die
vierte Gewalt – Journalisten als Elite.
Weblogs
als partizipatives Medium
Objektivitätsmaßstäbe für
Weblogeinträge
Emergenz
von Qualitätsnormen in der Weblogcommunity
1.2.3
Journalistische Formen in Weblogs
2
Analyse relevanter Merkmale der deutschsprachigen Blogosphäre
2.2.1
Allgemeine Bemerkungen zur verwendeten Methode
2.2.2
Weitere Besonderheiten der Inhaltsanalyse von Weblogs
2.2.5
Inhaltsanalyse von Nachrichtenbeiträgen
2.3.1
Allgemeine Merkmale der Daten
2.3.2
Merkmale der Stichproben und formaler Kategorien
2.3.3.
Quellen der codierten Weblogeinträge
2.3.4
Themenschwerpunkte von Weblogs
3
Interpretation der Ergebnisse, Zusammenfassung und Schlußbemerkungen
Merkmale
von Nachrichtenbeiträgen in Onlinemedien
Zu Beginn des Jahres 2005 sind Weblogs im Gespräch, manchmal auch im Gerede – in populären Büchern, Fernsehsendungen, der Presse und vor allem im Internet. Mal „sind“ Weblogs Teil einer „heimlichen Medienrevolution“ (Möller 2005) oder Werkzeuge zur grundlegenden Erneuerung der Strukturen westlicher Demokratien (Ito 2004), dann wieder „99% Müll“ bzw. doch wenigstens „journalistisch einfach nicht relevant“ (Spiegel Online – Chefredakteur von Blumencron in einem Interview, vgl. Mrazek 2004), aber auch persönliche Tagebücher, eine neuartige literarische Form, ein Werkzeug zum Austausch wissenschaftlicher Ideen (Wrede 2003) oder für PR-Aktivitäten von Unternehmen und Institutionen, Koordinationspunkt für Aktivitäten von Communities und allerlei anderes. Weblogs in ihrer heutigen Form sind sehr flexible Werkzeuge und lassen sich in der Tat für alle möglichen Kommunikationsbedürfnisse einsetzen. Am Ausgangspunkt dieser Arbeit wird jedoch eine andere, abstraktere Auffassung von Weblogs stehen: Es handelt sich um eine Medienform, die den Zugang zu einer effektiven Publikation aller Arten von Inhalten enorm erleichtert und damit mehr Menschen als je zuvor die Chance zur echten Partizipation an massenmedialer Kommunikation bietet. Eine besondere Rolle spielen dabei die Möglichkeiten zur Vernetzung und Erleichterung von Interaktion, die diverse Erweiterungen des noch vor wenigen Jahren nur schwer definierbaren Weblogformats bieten.
In gewissem Sinn sind Weblogs ein gigantisches kommunikationswissenschaftliches Experiment unter unkontrollierbaren Bedingungen. Was passiert, wenn plötzlich Hunderttausende (vielleicht Millionen) früherer Zuschauer die Bühne der Öffentlichkeit betreten können? Welche Art von Diskurs wird in einem solchen Medium geführt? Solche Überlegungen können (und werden) schnell in theoretische Höhen abdriften. Ich möchte mich erst einmal auf die naheliegende und vergleichsweise profane Frage konzentrieren, welchen thematischen Schwerpunkten sich die Gemeinschaft von Weblogschreibern am liebsten widmet.
Mit der vorliegenden Arbeit zu den inhaltlichen Strukturen deutschsprachiger Weblogs versuche ich im Wesentlichen folgende Forschungsfragen zu beantworten:
Theoretische Fragen
Ausgehend von populären Auffassungen darüber, was Weblogs leisten und welche Bedeutung sie für die öffentliche Kommunikation besitzen bzw. in Zukunft haben sollen:
Methodische Probleme
Ausgehend von den in der Literatur aufgeworfenen Ansichten und Vermutungen über die Eigenschaften der Inhalte von Weblogs:
Empirisch geleitete Fragen
Der erste Teil der Arbeit wird sich einerseits mit den aufgeworfenen theoretischen Fragen beschäftigen. Ein weiterer Schwerpunkt des theoretischen Teils ist die Betrachtung der Weblogcommunity und ihrer technischen Voraussetzungen, aus denen Vorschläge zur Stichprobenziehung abgeleitet werden können.
Zum anderen möchte ich populäre und wissenschaftliche Auffassungen über Weblogs sowie eigene Beobachtungen nutzen, um aussagekräftige und möglichst trennscharfe inhaltliche Kategorisierungen vorzuschlagen. Im empirischen Teil werden darauf aufbauend inhaltsanalytisch geprägte Forschungsdesigns entwickelt, die helfen könnten, zu allgemeinen Aussagen über inhaltliche Schwerpunkte zu kommen, die im derzeitigen Stadium der Entwicklung von der Weblogcommunity gesetzt werden. Die entwickelten Verfahren werden dann auf die Sphäre der deutschsprachigen Weblogs angewendet und die Ergebnisse nach kritischer Evaluierung der verwendeten Methoden vorgestellt.
Abschließend sollen die Ergebnisse in den theoretischen Zusammenhang eingeordnet, mögliche Hypothesen über die inhaltlichen Strukturen diskutiert und Konsequenzen daraus aufgezeigt werden.
Der Versuch, den
Begriff des Weblogs zu definieren, gleicht der Jagd auf ein äußerst bewegliches
Ziel. Das Wort „Weblog“ wurde erstmals Ende des letzten Jahrhunderts in einer
Bedeutung verwendet, die dem heutigen Verständnis in etwa nahe kommt. Dieses
Kapitel ist dem Versuch gewidmet, mit Hilfe einer historischen Rekonstruktion der
Entwicklungsgeschichte von Begriff und Weblogformat den Prozess zu demonstrieren,
der zur Ausbildung eines relativ deutlich ausgeformten neuen Mediums führte.
Später werde ich den Forschungsgegenstand für die empirische Untersuchung natürlich
noch schärfer umreißen müssen. Es ist jedoch unnötig, sich von vornherein auf eine Begriffsbestimmung festzulegen.
Die Grundidee
eines Weblogs geht der Begriffsfindung um einige Jahre voraus. Mitte der 90er
Jahre begannen die aus der Innovationsforschung bekannten early adopters[1] des damals neuen und noch unstrukturierten World
Wide Web, Webseiten regelmäßig zu aktualisieren und die Inhalte (Text und (Hyper-)Links
– Verweise auf andere Webseiten) in umgekehrt chronologischer Reihenfolge zu
sortieren. Softwarelösungen zur Umsetzung dieses Konzepts waren noch nicht
vorhanden und mussten unter Einsatz von HTML[2]-Kenntnissen
individuell entwickelt werden. (Anm.: Der Begriff „Softwarelösung“ wird hier
sehr lose gebraucht. In der simpelsten Form müssen nur bei jeder Aktualisierung
einige Textzeilen zu einem HTML-Dokument hinzugefügt werden.)
1992 begann Tim
Berners-Lee, bekannt als „Erfinder“ des World Wide Web (vgl. Berners-Lee 1999,
Cailliau 1998)), mit der täglichen Veröffentlichung aktueller Internet-Nachrichten
unter dem Titel „What’s new“[3]. Eine
ähnliche Seite wurde von Marc Andreesen, späterer Gründer von Netscape, auf der
Webseite der NCSA eröffnet und unterhalten. Er selbst verließ die NCSA
allerdings im Dezember 1993. (Leonard 1998) Die Seite entwickelte sich bald zu
einem reinen Verzeichnis neuer Internetseiten mit kurzen Kommentaren und wurde
bis 1996 weitergeführt.[4]
Die Kanadierin
Carolyn Burke[5] begann im Januar 1995 mit
der Veröffentlichung ihres privaten Online-Tagebuchs (Möller 2005). Die Inhalte
waren chronologisch geordnet, allerdings mit dem neuesten Eintrag unten. Es wurden
keinerlei spezielle HTML-Elemente verwendet, nur Text, schlichte Formatierung
und Links. Etwa zu dieser Zeit startete der 19jährige Justin Hall[6] seine
private Homepage, die er bereits 1996 – inzwischen Redakteur des Online-Magazins
„Wired“ – jeden Tag mit einer Art Gedicht rund um seine alltäglichen Erlebnisse
und Gedanken aktualisierte.
Bei den beiden Weblogpionieren
werden – wenn auch aus sehr verschiedenen Kontexten – Elemente eingeführt, die
der heutigen Vorstellung von einem Weblog schon recht nahe kommen: Die
persönliche und subjektive Natur der Einträge und die eindeutige
Zurechenbarkeit zu einem Autor. Halls Beschreibung des täglichen Lebens
verweist zugleich auf eine verschwindende Grenze zwischen privatem und öffentlichem
Schreiben, von der noch zu reden sein wird.
In der zweiten
Hälfte der 90er Jahre entstanden etliche weitere Seiten, die sich nach und nach
der heutigen Weblogform annäherten. Dave Winer startete 1996 seine „Scripting
news“[7], die
allerdings zunächst lediglich Hinweise auf Aktualisierungen der eigenen Webseite
enthielten.
Cameron Barretts
„Camworld“[8] , die
1997 mit dem goldenen Satz „Life is a constant challenge“ eröffnet wurde,
enthielt sowohl Links zu interessanten Webseiten als auch persönliche
Kommentare („It’s raining here in Michigan.“). Die Links wurden hier
ausgesprochen exzessiv verwendet, zum Beispiel verweist das Wort „born“ auf
eine Horoskopseite. Es scheint übertrieben, gleich von einem größeren
Entwicklungsschritt zu sprechen. Dennoch war es die Verbindung von eigenen Texten
mit Verweisen auf andere Webseiten, die – in seiner konsequenten Nutzung der
Möglichkeiten des World Wide Web für die Publikation und Verknüpfung von
Inhalten – die Richtung weisen sollte.
Die Erfindung
des Worts „Weblog“ wird John Barger zugeschrieben[9], der von
Dezember 1997 bis September 2003 auf seiner Webseite Links[10]
sammelte und textlich ein breites Interessenspektrum von James Joyce über
Innenpolitik bis hin zu Computerinnovationen abdeckte. (Das Format, eine lange
Liste von Links, gefolgt von den neuesten Einträgen, ist allerdings nicht
unbedingt repräsentativ.) Auf
seiner Seite definiert er Weblogs später so:
„A
weblog (sometimes called a blog or a newspage or a filter) is a webpage where a
weblogger (sometimes called a blogger, or a pre-surfer) 'logs' all the other
webpages she finds interesting. The format is normally to add the newest entry
at the top of the page, so that repeat visitors can catch up by simply reading
down the page until they reach a link they saw on their last visit.” (Barger 1999)
Aus Bargers
Sicht ist ein Weblog also eine Filterseite für den Internetsurfer, eine Art individualisiertes
Portal. Er behandelte schon 1999 eine Frage, die auch hier noch breiten Raum
einnehmen wird: „Are webloggers journalists? Yes, but they're editors, not reporters, and so far they're amateurs,
not professionals.“
In Anlehnung an
die entsprechenden Begrifflichkeiten der Kommunikatorforschung könnte man Barger
mithin als Vertreter eines Gatekeeper-Ansatzes sehen. Wie noch zu sehen sein
wird, hat sich der Akzent im Diskurs über Weblogs, ja die Begriffsbesetzung
selbst, bis heute jedoch verschoben.
(Anm.: Die hier genannten Seiten sind eher als Beispiele zu verstehen. Es ist heute schwer herauszufinden, wie das Internet in den 90er Jahren tatsächlich aussah, ob z.B. schon früher Seiten mit bestimmten Charakteristika existierten, die aber in Vergessenheit gerieten. Auch diesbezüglich wird die Geschichte von den Siegern bzw. Verbliebenen geschrieben. Eine detaillierte Beschreibung der wichtigsten Entwicklungen der späten 90er Jahre liefert Blood (2000).)
|
Ab 1992 |
Linksammlungen, „Scripting news“ |
|
Ab 1996 |
Persönliche Tagebücher |
|
Ab 1997 |
Einführung des Begriffs „Weblog“, später auch
kurz „Blog“, Medienform kristallisiert
sich heraus, erste Softwarelösungen |
|
Ab 1999 |
Weblogprovider öffnen Zugang für
Nicht-Experten, Verfeinerung der Form durch (hauptsächlich soziale) Features,
Permalinks |
|
Ab 2001 |
Zentrale Server, Suchmaschinen
(Blogdex, Technorati, Blogstats (Januar 2004)) |
Tabelle 1: Überblick: Meilensteine der
Weblogentwicklung
1996/97
entwickelte die Firma „Userland Software“ ein Softwarepaket zur Erstellung von
Webseiten namens „Frontier“. Als Unterprojekt wurde vom bereits erwähnten Dave
Winer eine Sammlung von Tools namens „NewsPage“ entwickelt, die das Erstellen
einer Newsseite im Stil von Scripting News (also eines Vorläufers des Weblogs)
ermöglichte. Diese Tools vereinfachten die Erstellung solcher Seiten für
Internetnutzer, die keine tiefer gehenden Kenntnisse zur Programmierung von Webseiten
besaßen. (Userland Software 1997) Sie verlangten aber immer noch eine erhebliche
Einarbeitungszeit. Dennoch war ein erster Schritt getan, breiten Bevölkerungsschichten
die selbständige Entwicklung eigener Seiten zu ermöglichen.
Einen
diesbezüglichen Durchbruch erzielte blogger.com. Auf dieser Website wurde ab
1999 ein schnell erfolgreicher Service zur Erstellung von Weblogs angeboten. (Blood
2004) Nach einer kostenlosen Registrierung konnten angehende Weblogger dort
ohne fortgeschrittene HTML-Kenntnisse ihr eigenes Weblog erstellen. Den nötigen
Speicherplatz stellt blogger.com kostenlos zur Verfügung.
Heute gibt es
zahlreiche derartige Weblogprovider und andere Softwarelösungen, die im
folgenden Kapitel besprochen werden.
Es gibt im
Wesentlichen drei Möglichkeiten, ein Weblog zu unterhalten (Kantel 2003):
a)
Die Software läuft auf einem Server, der auch den
Webspace bereitstellt (sog. Host). Das Weblog kostet nichts oder eine geringe
monatliche Gebühr, einige Hosts blenden zur Finanzierung auch Werbung ein. Teilweise
sind die Gebühren je nach Servicelevel gestaffelt.
b)
Der Weblogbetreiber lädt eine Weblogsoftware auf einen
eigenen oder gemieteten Server hoch. Solche Software basiert auf Skriptsprachen
wie PHP, die dynamische HTML-Seiten erstellen. Die Kosten sind meist einmalige
Beträge zum Kauf der Software und eventuell zusätzlich regelmäßige Ausgaben für
den Webspace.
c)
Die Weblogsoftware läuft auf einem Computer, der
HTML-Seiten erstellt, die dann auf einen Webserver geladen oder von diesem
Computer direkt gehostet werden. (Letzteres ist eher ungebräuchlich.)
|
Weblog-Hosts / Provider ______________________ www.antville.com (Österreich /
Deutschland) www.twoday.net (Deutschland) www.blogg.de (Deutschland) www.myblog.de (Deutschland) www.blogger.com (international) |
Skriptbasierte Software _____________________ Antville Manila Movable Type Sunlog Greymatter |
Erstellung statischer Seiten _____________________ Radio Userland |
Tabelle 2: Überblick ausgewählter Softwarelösungen
Hier werden diejenigen Features beschrieben,
die von der überwiegenden Mehrzahl der Softwarelösungen für Weblogs
bereitgestellt und von einem beachtlichen Teil der Betreiber öffentlicher Weblogs
genutzt werden. Dabei wird die Frage zu klären sein, wie essentiell diese
Features für eine Beschreibung von Weblogs als Form öffentlichen Publizierens
im Netz sind. Die Beschreibungen beschränken sich auf die Features, die für die
Analyse von Einträgen relevant sind oder der Interaktion mit anderen Akteuren
der Weblogcommunity dienen. [11]

Abb. 1 Eigenschaften von Weblogsoftware, Tabelle
aus Przepiorka (2003)
Die folgenden
Seiten werden auf den ersten Blick wie ein Glossar an der falschen Stelle
wirken. Für das Verständnis von Weblogs als neuartiges Medium ist es jedoch
notwendig, die aus der Interaktion verschiedener Akteure heraus entstandenen speziellen
Merkmale zu beschreiben, die aus einer simplen Idee zur Strukturierung von
Inhalten eine klar strukturierte Medienform machen.
In diese
Kategorie fallen die Ansichtsmöglichkeiten, die der Betrachter eines Weblogs
nutzen kann, um Einträge zu betrachten und zu strukturieren.
Startseite
Das ist die
Seite, die sich öffnet, wenn der Betrachter die Adresse des Weblogs ohne
Zusätze im Browser aufruft. Die Anzahl der angezeigten Einträge variiert je
nach verwendetem Skript und den Einstellungen des Administrators, es werden jedoch
stets die aktuellsten Einträge bzw. mindestens der Neueste von ihnen angezeigt.
Die Startseite ist üblicherweise nicht vom Betrachter zu konfigurieren. (Es
wäre allerdings technisch möglich, diese Option softwareseitig
bereitzustellen.)
Permalink
Ein Permalink
beschreibt eine spezifische Adresse, die zu einem einzelnen Eintrag gehört.
Dadurch werden Verweise von außen auf einen spezifischen Eintrag ermöglicht.
Unter dem Permalink können auch Kommentare zu diesem Eintrag und so genannte
Trackbacks (siehe unten) angezeigt werden.
Der Permalink
ist als essentieller Bestandteil eines Weblogs anzusehen, er ist Grundbestandteil
der Archivierung. Es ist zwar diskutierbar, ob ein Weblog auch ohne einzeln
verlinkbare Beiträge noch unter die einschlägige Definition fallen sollte. Für
den Zweck der inhaltlichen Analyse sind Permalinks jedoch unverzichtbar, da die
einzelnen Einträge die zentrale Analyseeinheit darstellen. Daher können Weblogs
ohne diese Möglichkeit in dieser Arbeit
empirisch nicht berücksichtigt werden.[12]
Weitere Archiv
– Funktionen
Einige
Softwarelösungen bieten die Möglichkeit an, die Einträge sortiert nach Tagen,
Wochen oder Monaten darzustellen. Zusätzlich wird teilweise eine
Kalenderfunktion angeboten, die den schnellen Zugriff auf Einträge eines
bestimmten Tages ermöglicht. Solche Funktionen sind benutzerfreundlich, aber
ohne Bedeutung für die empirische Analyse.
Unterkategorien
Einträge können
häufig thematischen Unterkategorien zugeordnet werden. Der Kategorienlink
stellt die Beiträge einer Kategorie in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge dar,
beinahe wie ein untergeordnetes selbständiges Weblog. Ähnliches ist bei Weblogs
mit mehreren Autoren für jeden Einzelnen möglich. Im Rahmen der Analyse werden
allerdings auch diese Weblogs in ihrer Gesamtheit und nicht nach Einzelnutzern
aufgeschlüsselt betrachtet. Daher sind Kategorien ebenfalls für die Analyse
irrelevant.
Unter den
Begriff der Interaktion fallen diejenigen Features, die es dem Besucher
ermöglichen, dem/den Betreiber(n) Feedback zu geben und die Sichtbarkeit des
Weblogs im Internet zu erhöhen. Zudem geht es darum, Eigenschaften zu
identifizieren, die das Entstehen von Community-Strukturen befördern können.
Kommentare
Der
Weblogbetreiber hat die Option, seinem Publikum zu einzelnen Einträgen
Kommentare zu ermöglichen. Diese Kommentare erscheinen üblicherweise unter dem
Permalink eines Beitrags und können sich zu ausführlichen Diskussionen entwickeln.
Es ist natürlich möglich, im Eintrag nur ein Thema vorzugeben, so dass der
eigentlich interessante Inhalt in den Kommentaren zu finden ist. (Das kann im
Rahmen der empirischen Analyse nicht
berücksichtigt werden, obwohl in Einzelfällen denkbar ist, dass sich ein
signifikanter Teil des Inhalts und Nutzwertes eines Weblogs in den Kommentaren
verbirgt.)
Die
Kommentarfunktion ist durch den Weblogadministrator (normalerweise der Autor) abschaltbar.
Für die Analyse kann sie nützlich sein, weil Kommentare eine Messung der
Resonanz auf Beiträge ermöglichen.
Trackback
Der Trackback
ist eine Möglichkeit, Einträge von anderen Weblogautoren im eigenen Weblog zu
referenzieren und zu kommentieren und den ursprünglichen Autor darüber zu
informieren. Zu diesem Zweck sendet die Software dem ersten Eintrag eine Nachricht.
Im Grunde sind Trackbacks eine Weiterentwicklung des Links und erleichtern und
fördern die Interaktion zwischen Autoren. Allerdings werden sie zwar häufig
verwendet, sind aber von einer Durchsetzung als Standard weit entfernt. Daher
eignen sie sich nicht für eine umfassende quantitative Analyse der Blogosphäre.
Blogroll
Eine Blogroll
ist eine Liste von Verweisen auf andere Weblogs am Bildschirmrand (oder auf einer
gesonderten Seite). Dadurch kann Verbundenheit oder auch schlichtes Interesse
signalisiert werden. Die Blogroll kann man als Mittel zur Abgrenzung einer Subcommunity
– einer Weblog-Familie – lesen, allerdings in einem eher losen und
unverbindlichen Sinn. Gegenseitige Kommentierung und Verlinkung einzelner Einträge
wirken diesbezüglich deutlich stärker. Die überwiegende Zahl der Weblogs
enthält eine Blogroll, was darauf hinweist, dass sich die Betreiber als Teil
einer Szene (im Gegensatz zum Konkurrenzverhalten kommerzieller Medien) sehen.
Die folgenden
Features dienen der Sichtbarkeit eines Weblogs durch das Erzeugen von
Aufmerksamkeit für das Weblog im Allgemeinen oder die Verbreitung der neuesten
Aktualisierungen.
Ping an
zentralen Server
Von der
Weblogsoftware – sofern sie einen Ping anbietet – wird bei jeder Aktualisierung
eines Weblogs ein Signal an eine oder mehrere zentrale Seiten gesendet – international
an weblogs.com, im deutschsprachigen Raum oft auch an blogg.de. Das ermöglicht einen
Service wie www.blogstats.de, der die aktuellen Einträge der Mehrzahl
deutschsprachiger Weblogs verarbeitet, Suchfunktionen anbietet und zusätzlich Datenmaterial
liefert, das auch für die empirische Analyse genutzt werden kann.
RSS-Feed
Ein RSS-Feed ist ein relativ neuer Dienst auf XML[13]-Basis, der es Internetmedien ermöglicht, interessierte Nutzer zeitnah über Aktualisierungen zu informieren. Er wird sowohl von den meisten Weblogs als auch von kommerziellen Onlinemedien angeboten. Diese Informationen können in andere Webseiten integriert werden. Einen RSS-Feed kann man mit entsprechender Software auch per Mausklick abonnieren. In kurzen Abständen kann dann abgefragt werden, ob die Seite inzwischen aktualisiert wurde. Der Betreiber sendet bei jeder Aktualisierung eine Überschrift, eine kurze Inhaltsbeschreibung oder den gesamten Inhalt des neuesten Eintrags sowie einen Link.
Anm.: Ein Ping an
einen der von Blogstats abgefragten Server und ein RSS-Feed, der Blogstats eine
standardisierte Abfrage von Inhalten ermöglicht, sind später erforderliche Features
für die Analyse. Fehlen sie, kann das Weblog schlicht nicht erfasst werden, da
die von Blogstats gesammelten Daten zur Samplegenerierung[14]
genutzt werden. Es ist unmöglich, die Bedeutung anderer (insbesondere eines
Teils der selbst programmierten) Formen von Weblogs hinreichend genau zu
erfassen. Würden hier Ausnahmen zugelassen, wäre die spätere Auswahl der
Stichprobe beliebig und nicht mehr nachvollziehbar.
Darunter werden
Informationen verstanden, die den Weblogbetreibern zur Verfügung stehen, um
Aufschluss über das Besucherinteresse und -verhalten zu erhalten.
Referrer
Anhand so
genannter Referrer kann ein Weblogbetreiber erkennen, von welchen Webseiten aus
Besucher auf die eigene Seite zugegriffen haben. Daraus können unter Umständen
Rückschlüsse gezogen werden, welche Aspekte das Publikum besonders
interessieren.
Mitgliederverwaltung
Einige Weblogs
erlauben es interessierten Besuchern, sich registrieren zu lassen. Auf dieser
Basis kann ein Betreiber an die registrierten Mitglieder Rechte vergeben bzw.
Nicht-Mitgliedern entsprechende Rechte verwehren. So kann das Verfassen von
Kommentaren oder überhaupt der Zugriff auf bestimmte (oder auch sämtliche) Einträge
durch unerwünschte Besucher verhindert werden. Seiten, die nur registrierten Mitgliedern
Zugriff gewähren, sind allerdings als nicht öffentlich zu bewerten und werden
daher für die Analyse nicht berücksichtigt.
Zugriffsstatistiken
Viele
Weblogprovider bieten den Betreibern Statistiken über Zugriffs- und Besucherzahlen
an, gegebenenfalls unterteilt nach Tagen, Stunden oder einzelnen Einträgen.
Zur Ermittlung aussagekräftiger quantitativer Daten über die Größe der Weblogcommunity werden im Wesentlichen zwei Herangehensweisen genutzt: Befragungen von Weblogautoren und computergestützte Auswertungsmethoden. Darüber hinaus wird sehr viel mit Schätzungen gearbeitet. Befragungen sind logischerweise ungeeignet, exakte Auskunft und absolute Zahlen zur Verbreitung von Weblogs als Publikationsform zu liefern. Sie können allerdings Aufschluss über die demographische Zusammensetzung der Weblogcommunity geben. (Entsprechende Forschungsergebnisse werden im Laufe der Arbeit an passenden Stellen auftauchen.)
Perseus, ein Unternehmen, dass sich mit der Herstellung von Software zu internetbasierten Befragungen beschäftigt, schätzt dennoch die Zahl der gehosteten Weblogs auf Grund einer 2004 durchgeführten Befragung auf 4,12 Millionen. (Perseus Development Corporation 2004) Diese Zahl erscheint auf Grund eindeutiger Mängel im Untersuchungsdesign jedoch als sehr suspekt: Perseus berücksichtigte nur bei Providern registrierte Weblogs, und schränkte die Zahl der untersuchten Weblogprovider auch noch unnötig ein.[15] Weblogprovider anderer Sprachräume wurden überhaupt nicht berücksichtigt. Über die Methode, die von einer Befragung von 3000 Webloggern auf eine derart genaue Angabe schließen lässt, verrät Perseus nichts. Das rasante Wachstum der Weblogcommunity schränkt den Nutzwert solcher absoluten Zahlen als Momentaufnahme aber ohnehin ein. Allein LiveJournal.com verzeichnet für seinen Service am 23. Januar 2005 schon 4,3 Mio. Nutzer[16].
Interessant
hingegen sind die Resultate der Perseus-Studie hinsichtlich der hohen
Abbruchrate. 66 % der in die Befragung einbezogenen Weblogs wurden zwei Monate
lang nicht mehr aktualisiert. Das erinnert daran, wie wenig aussagekräftig absolute
Mengenangaben von Weblogs sein können.
Vielversprechender
ist die Nutzung des Ping-Features für eine aussagekräftige Weblogzählung. Der
Service blo.gs registriert nicht nur Updates von Weblogs, die an den eigenen
Server pingen, sondern übernimmt auch die Daten der Konkurrenz von weblogs.com
und dem großen Weblogprovider blogger.com. Es existiert keine Möglichkeit
sicherzustellen, dass alle Weblogs durch ein solches Verfahren abgedeckt
werden. Die Nutzung der Ping-Funktion ist schließlich freiwillig. Jedoch fungieren
diese Server als zentraler Punkt der Weblog-Community.[17] Daher wird die Entscheidung getroffen, die Ping-Funktion
in die operative Weblogdefinition für die empirische Analyse zu integrieren.
Mit Sicherheit fallen damit zahlreiche Weblogs aus dem Raster, die alle anderen
Bedingungen erfüllen. Es ist aber davon auszugehen, dass der Ausschluss vor
allem solche Weblogs trifft, die eher für die private Sphäre oder sehr
spezialisiertes Publikum geschrieben werden oder sogar ganz passwortgeschützt
sind. Wer jedoch in einem Weblog öffentlich publizieren will, muss sichtbar
sein. Das wird in der momentanen Struktur der Weblogcommunity vor allem durch
den Ping gewährleistet. Die Nutzung der Funktion wird deswegen als notwendiger
Beitrag zur Partizipation an Öffentlichkeit betrachtet.
blo.gs hat am 23. Januar 2005 nahezu 4,9 Mio. Weblogs registriert, die Weblog-Suchmaschine technorati.com über sechs Millionen.[18] Für die deutschsprachige Blogosphäre übernimmt blogstats.de (nachfolgend Blogstats genannt), ein Ableger des deutschen Weblogproviders blogg.de, die Rolle von weblogs.com und blo.gs. Hier werden sämtliche deutschsprachigen Weblogs erfasst, die entweder die international operierenden weblogs.com/blo.gs anpingen oder den hauseigenen blogg.de-Server. (Lumma (2004)[19] Per Sprachanalyse werden deutschsprachige Weblogs herausgefiltert. Blogstats übernimmt die Daten von Weblogs bei deutschen Weblogprovidern automatisch, schaltet sie nach Prüfung der Aufnahmebedingungen (Ping, RSS-Feed, deutsche Sprache) jedoch per Hand frei. Weblogs bei international operierenden Providern müssen vom Betreiber aktiv angemeldet werden.[20]
Blogstats ermittelt am 23. Januar 2005 eine Gesamtzahl von etwa 35000 deutschsprachigen Weblogs, ungefähr ein Hundertstel der Zahlen der internationalen Anbieter. Die tatsächliche Zahl liegt aufgrund der beschriebenen Operationsweise von Blogstats natürlich höher. Berlecon Research schätzt sie im September 2004 auf Basis der Blogstats-Daten auf 60000. Vor allem schlägt sich hier das Fehlen von Weblogs beim Internetprovider Freenet und von angeblich über 10000 deutschen Weblogs beim amerikanischen Weblogprovider LiveJournal nieder. Nach Einbeziehung einer ominösen „Dunkelziffer“ kommt Berlecon sogar auf 75000 deutschsprachige Weblogs. (Eck 2004). Wenig sinnvoll ist es, die Wachstumsrate von Weblogs zu messen. Erstens können die Neueröffnungen Zweit- und Drittweblogs von Autoren sein, zweitens erhöht sich die Zahl mit der Zeit automatisch, so lange nicht mehr aktualisierte Weblogs mit gemessen werden. Besser ist eine Zählung der im jeweiligen Monat aktiven Weblogs (mindestens einmal im Monat aktualisiert):

Abb. 2 Anzahl
aktiver Weblogs der letzten zwölf Monate bei Blogstats nach www.blogstats.de
Offensichtlich ist auch der Anstieg der Anzahl der aktiven Weblogs rasant. (Man könnte jedoch einwenden, dass ein Teil des Anstiegs mit einer womöglich verspäteten Registrierung zu erklären sein könnte.) Die Möglichkeiten des blogstats-Tools gehen über die bloße Zählung weit hinaus, es können auch ein- und ausgehende Links für jeden Eintrag abgefragt werden. Darauf werde ich im methodischen Teil noch näher eingehen.
Nach all den
Erwägungen, die in eine Begriffsbestimmung einfließen können, kann nun die Klärung der Frage nach einer aktuell
gültigen Definition angegangen werden.
Zunächst
basieren Weblogs auf einer simplen Grundidee. Ein Autor (oder mehrere Autoren)
betreibt eine häufig aktualisierte Webseite mit Inhalten aller Art (Texte,
Links, Bilder, Videos etc.). Die Einträge werden auf der Startseite in
umgekehrter Reihenfolge, mit einem Zeitstempel versehen, angezeigt. Der
Nachteil dieser groben Simplifizierung ist natürlich, dass es schwierig wird,
in einem solchen Rahmen allgemeine Aussagen über „die Weblogs“ zu treffen. Es
bestehen zwei Möglichkeiten, eine weitere Abgrenzung vorzunehmen.[21]
Erstens könnten
nur solche Seiten als Weblogs gelten, die eine bestimmte Art von Softwarelösung
verwenden. Darunter müssten neben den bei Weblogprovidern registrierten Weblogs
auch diejenigen fallen, die eine vorgefertigte (oder selbst gefertigte) Software
auf einem eigenen Server oder gemietetem Webspace laufen lassen. Anschließend kann
man festlegen, welche Features die genannte Software unterstützen (und ein
Weblog dann auch nutzen) sollte.
Zweitens könnte
man auch eine funktionale Abgrenzung vornehmen. Man muss sich dann darüber klar
werden, welche Eigenschaften in eine solche Definition hineingehören. Es werden
vorgeschlagen:
Eindeutige Autorenzuordnung
Das bezieht sich
auf den einzelnen Eintrag, nicht auf das jeweilige Weblog insgesamt. Es wäre
unnötig und kontraproduktiv, Weblogs mit mehreren Autoren auszuschließen.
Einzelne Einträge müssen jedoch eindeutig einem Autor/Pseudonym zuzuordnen
sein. Ein Weblog ist eine meist persönlichkeitsgebundene, subjektiv geprägte
Publikationsform. Ob dabei der tatsächliche Autor erkennbar wird oder durch
Nutzung eines Pseudonyms seine Identität verschleiert, ist allerdings völlig
unerheblich.
Originalität des Inhalts
In einem
Weblogeintrag muss ein persönlicher Beitrag des Autors erkennbar sein. Diese
Bestimmung ist nicht ganz so einfach, wie sie zunächst erscheint. Selbst einem
Eintrag, der aus einem einfachen Zitat oder einem verlinkten Foto besteht, kann
durch den Kontext des Weblogs, in dem er erscheint, ein Kommentar des Autors
zugeschrieben werden. Das wäre aber schwierig
zu operationalisieren. Daher wird die klare Forderung gestellt, dass Weblogs
einen signifikanten Anteil an eindeutig originären Inhalten – Texten und / oder
Bildern – enthalten müssen.
Das Problem
besteht nun darin, dass eine funktionale Abgrenzung theoretisch eleganter
erscheint, eine Abgrenzung nach Softwarekriterien dagegen das Risiko des
willkürlichen Ausschlusses bestimmter Weblogs birgt. Aus praktischen Gründen ziehe
ich im Hinblick auf die empirische Analyse dennoch die letztere Variante vor,
um die Reliabilität des Verfahrens sicherzustellen. Es gibt einfach keine
technische Möglichkeit, zuverlässig alle entsprechend definierten Weblogs zu
erfassen, wenn lediglich eine funktionale Abgrenzung zugrunde liegt.
Deshalb könnte
in der weiteren Arbeit mit zwei unterschiedlichen Auffassungen von Weblogs
jongliert werden: Einer funktionalen Definition für theoretische Erwägungen und
zusätzlich einer schärferen softwareorientierten Abgrenzung des Gegenstandes
für die empirische Untersuchung. Die ganze Problematik wird noch komplizierter,
wenn man die sozialen Aspekte von Weblogs in Betracht zieht. Soziale Interaktion
(abgesehen vom einfachen Link) wird erst ermöglicht durch die erweiterten Funktionen,
die eine schon weitgehend standardisierte Software bereitstellt.[22] Innerhalb
der Weblogs, die unter eine softwarebasierte Definition fallen, kann allerdings
die funktionale Abgrenzung als Ausschlussmittel wieder eingeführt werden. Es
ist ja nicht auszuschließen, dass Softwarelösungen für Weblogs kreativ (oder
zweckentfremdend) für eine ganz andere Form verwendet werden.
Am Ende
erscheint es am günstigsten, beide Anforderungen – technische und inhaltliche –
im folgenden Definitionsversuch zusammenzufassen. Diese Definition kann nicht
den Anspruch erheben, die Form „Weblog“ für alle Zeiten festzulegen. Dazu hat
der Begriff in der Vergangenheit bereits zu viele Wandlungen erfahren. Es handelt
sich lediglich um einen Versuch, den Forschungsgegenstand so zu beschreiben,
dass er einem von standardisierten Eigenschaften der verwendeten Software geleiteten Verständnis von Weblogs als
Publikationsform zum jetzigen Zeitpunkt entspricht und gleichzeitig eine
Operationalisierung ermöglicht.
Definition:
Weblogs sind von
einem oder mehreren Autoren verfasste öffentlich zugängliche Publikationen im
World Wide Web, die aus kleineren Einheiten (Einträgen) bestehen. Auf der
Hauptseite eines Weblogs werden diese Einträge in chronologisch umgekehrter
Reihenfolge angezeigt. Jeder Eintrag enthält einen Zeit- und Datumsstempel, ist
einem Autor/Pseudonym eindeutig zuzuordnen und über eine eigene Internetadresse
erreichbar. Die Einträge enthalten originäre Inhalte, aber auch Verweise auf
andere Internetseiten. Bei jeder Aktualisierung benachrichtigen Weblogs einen oder
mehrere zentrale Server. Die Gesamtheit der erfassten Weblogs auf einem solchen
Server bildet eine „Blogosphäre“[23].
Ausgehend von
der entwickelten Definition können Besonderheiten der Blogosphäre nun näher untersucht
werden. Um herauszufinden, welche speziellen Eigenschaften diese neue
Publikationsform besitzt, bietet sich ein Vergleich mit bereits bestehenden
Medienformen an, mit denen Weblogs in Konkurrenz treten bzw. die sie ergänzen
können.
Von einer neuen Medienform ist zu erwarten, dass sie den Modus medial vermittelter Kommunikation auf vielfältige Art umformt. Im folgenden Kapitel werde ich einige Spezifika von Weblogs untersuchen, die mediale Kommunikation in diesem Sinne beeinflussen können. Eine entscheidende qualitative Neuerung liegt in der Vernetzung der Sender/Empfänger durch die oben beschriebene Einführung „sozialer“ Features[24] in gängige Weblogsoftware. Ich werde dieses zentrale Thema zunächst abstrakt diskutieren und im Anschluss einen Überblick über erste empirische Untersuchungen zur Beschaffenheit der entstandenen Weblogcommunity geben.
Der zweite große Theorieblock beschäftigt sich mit den Auswirkungen der wachsenden Akzeptanz der neuen Medienform auf den öffentlichen Diskurs. Die zentralen Fragen dieses Komplexes sind:
Dazu eine
allgemeine Bemerkung: Weblogs können ebenso als journalistische wie als
literarische Form genutzt werden, aber auch ganz andere Erscheinungsformen annehmen.
Zum Beispiel ist es möglich, ein Weblog als Forum anzulegen, in dem kleine
Gruppen mit sehr spezifischen Interessen ein Themengebiet diskutieren.
Dabei ist es
wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass sich diese Arbeit hauptsächlich mit
privat betriebenen, nicht profitorientierten Weblogs beschäftigt. Es existieren
natürlich bereits Überlegungen und praktische Umsetzungsversuche zu Weblogs als
Mittel der inneren und äußeren Unternehmenskommunikation (Voß 2005, Eck 2005) oder
als Erweiterung professioneller journalistischer Angebote (Onlinejournale,
Netzausgaben von Zeitungen / Zeitschriften u.ä.) im Internet. Im Moment interessiert jedoch vorrangig das Potenzial und die
Nutzung von Weblogs als Werkzeug, das breiten Bevölkerungsschichten die Publikation
von beliebigen Inhalten und die Partizipation an der öffentlich stattfindenden
Meinungsbildung ermöglicht.
Im Unterschied
zum „one-to-many“-Kommunikationsmodus aller „klassischen“ Medien (Print, TV,
Radio) zeichnet das Internet gerade die Möglichkeit aus, jeden Empfänger ohne
großen zusätzlichen Aufwand in einen potenziellen Sender zu verwandeln. Die
Form des Weblogs vereint in bisher nicht erreichter Weise die Breitenwirkung
der klassischen Medien mit der Möglichkeit des Feedbacks und der Kommunikation
unter Gleichen in – wie auch immer zugeschnittenen – Communities.
Der Begriff der
Online-Community ist intuitiv leicht verständlich, aber nur sehr schwer in
konkreten Begriffen zu definieren. In seinem für Internetverhältnisse antiken Klassiker „Virtual Community“
gelingt dem Netzpionier Howard Rheingold folgende Formulierung: “Virtual communities are social aggregations
that emerge from the Net when enough people carry on those public discussions
long enough, with sufficient human feeling, to form webs of personal
relationships in cyberspace.” (Rheingold 1993) Das mag nicht
besonders belastbar wirken (Was ist vor allem mit dem schwammigen „sufficient
human feeling“ gemeint?). Es soll aber zunächst genügen. Zentral ist der in der
Definition enthaltene Aspekt der Selbstorganisation. Virtual communities emerge from the net.
Um eine
öffentliche Diskussion aufrechterhalten zu können, braucht man effiziente
Kommunikationsmittel. Man muss also die Frage stellen, warum Weblogs in diesem
Sinne effizient genug sind, als Basis für die Bildung einer Community zu
dienen. Ein Teil der Antwort liegt in den bereits erwähnten
Interaktionsfeatures, die heute zur Standardausrüstung von Weblogs gehören (Blood
2004). In der Welt der klassischen Massenmedien hat ein Rezipient nur wenige Möglichkeiten,
auf den empfangenen Input zu reagieren. Die möglichen Feedbackkanäle
beschränken sich auf Leserbriefe und Beschwerden bei etwaigen Aufsichtsbehörden.[25]
.
|
|
One-to-many-Kommunikation |
Eingeschränkte
Many-to-many-Kommunikation |
Moderierte
Many-to-many-Kommunikation |
Offene
Many-to-many-Kommunikation |
|
Beziehung Sender/ Empfänger |
Asymmetrisch |
Asymmetrisch |
Symmetrisch |
Symmetrisch |
|
Partizipationschancen[26] |
eingeschränkt |
eingeschränkt |
Prinzipiell offen (Ausschluss möglich) |
Offen |
|
Rückkanal |
Nicht-öffentlich |
Öffentlich |
Öffentlich |
Öffentlich |
|
Kontrolle des Senders[27]
über Inhalte |
Sender kann eigene Sphäre und Rückkanal
kontrollieren |
Sender kann eigene Sphäre und Rückkanal
kontrollieren[28] |
Sender kann weder eigene Sphäre
noch Rückkanal kontrollieren |
Jeder Sender kann eigene Sphäre
kontrollieren [29] |
|
Beispiele |
Presse, Rundfunk, Fernsehen,
einige Onlinemedien („Klassische“ Massenmedien) |
Onlinemedien mit Foren und / oder
Kommentarfunktionen, isoliertes Weblog |
Online-Foren, Wikis, kollaborative
Newsseiten (indymedia, slashdot)[30] |
Weblog-Community (Blogosphäre), Filesharingsysteme |
Tabelle 3[31] Charakteristika des Kommunikationsflusses
verschiedener Medienformen
Dagegen sind die
Reaktionsmöglichkeiten des Betrachters auf einen Weblogeintrag vielfältiger Art[32]:
-
Er kann direkt per Kommentar auf den Eintrag reagieren
und mit anderen Lesern darüber diskutieren (sofern vom Autor zugelassen).
- Er verlinkt den Eintrag in seinem eigenen Weblog, der Autor wird (sofern gewünscht) nahezu augenblicklich über die Verlinkung informiert. Damit ist er in der Lage, sich auf Augenhöhe mit dem Autor zu begeben. (Die Voraussetzung dafür war die Durchsetzung der Permalinks)
- Er kontaktiert den Autor privat (etwa per E-mail).
Die
Kommentarfunktion stellt das funktionale Äquivalent zum Leserbrief bei Presseerzeugnissen
dar, liefert aber zusätzlich eine simple Möglichkeit zur Kommunikation der
Rezipienten untereinander und mit dem Autor.
Sie hebt jedoch noch nicht den asymmetrischen Kommunikationsfluss
zwischen Sender und Empfänger auf, der ja auch für die klassischen Massenmedien
charakteristisch ist.
Durch seine
erweiterten Communityfeatures (Trackback, Ping-Funktion) wird die Form des
Weblogs jedoch zum Modellfall der many-to-many-Kommunikation. Hier wird eine
qualitativ neue Stufe der Gleichberechtigung von Sender und Empfänger erreicht,
da jeder Empfänger auch über ein eigenes Weblog Teil der Community werden kann.
Dies wird aber verbunden mit dem Vorrecht des jeweiligen Autors, eine eigene
Sphäre zu besitzen, in der er Inhalte im Rahmen der geltenden Gesetze (evtl. einschließlich
des Presserechts[33]) frei publizieren kann. Innerhalb
dieser Sphäre kann er die Diskussion kontrollieren. (Kommentare kann er im
Zweifelsfall auch löschen.) Darin besteht wiederum der qualitative Unterschied
zum klassischen Internetforum, in dem man sich zwar zu Wort melden kann, aber
nur wenig weitere Kontrolle über selbst verfasste Inhalte und das Umfeld, in
dem sie erscheinen, besitzt. (Ein gut geführtes Forum wird allerdings Rücksicht
darauf nehmen.)
Erreicht ein Weblog ein bestimmtes Level an Interaktion in seinen Kommentaren, kann durchaus schon eine Community entstehen, mit dem Autor (bzw. den Autoren) als zentralem sozialem Akteur. (Es gibt offene Weblogs, in denen jeder Beiträge verfassen kann. Eine solche Community unterscheidet sich allerdings qualitativ nicht sehr vom normalen Forum oder einer Usenet-Newsgroup.) Die sozialen Features der Weblogsoftware, insbesondere die Verbindung zu einem zentralen Server, fügen aber die entscheidende neue Ebene hinzu. Diese Server dienen als das zentrale Nervensystem der Blogosphäre, sie registrieren alle Einträge (über RSS-Feeds) und stellen über die Trackbacks Verbindungen her. Jedes Weblog, das mit dem Server kommuniziert, nimmt an einer gigantischen Konversation teil. Die zentralen Punkte, die Knoten dieser Weblog-Konversation, werden hier – durch die Abrufbarkeit der diversen Statistiken – öffentlich sichtbar gemacht.[34]
Wie man sieht,
sind derartige Strukturen der Blogosphäre nicht von einer zentralen damit
beauftragten Institution erdacht worden, sondern emergente Phänomene der
Selbstorganisation unabhängiger Akteure. Ein zentraler Ping-Service wie Technorati,
Blogdex oder Blogstats etabliert sich, indem er die Akzeptanz der Weblogger erlangt.
Ist erst ein ausreichender Anteil von Weblogs gelistet, steigt die Verbindlichkeit
des Angebots und damit der Druck auf die Weblogautoren zur Teilnahme, um überhaupt
wahrgenommen zu werden.
Forschungen zu sozialen Netzwerken widmen sich mittels quantitativer Methoden den Strukturen von Communities. Das Forschungsfeld basiert auf einer visuell orientierten Konzeptualisierung solcher Netzwerke mit Akteuren als „nodes“ und ihren Beziehungen als sie verbindenden Linien. Akteure werden durch die Anzahl der Verbindungen im Netzwerk charakterisiert. (Marlow 2004) Aus der Kommunikationsforschung ist der Ansatz des Two-Step-Flow of communication (eingeführt von Katz/Lazarsfeld 1955) bekannt, die den Kommunikationsfluss als zweistufige Struktur beschreibt, in der „opinion leaders“ eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Information in Sub-Communities spielen. In Marlows Darstellung hat die Theorie sozialer Netzwerke den Ansatz nicht nur bestätigt, sondern auch auf den weiter gefassten Begriff der Information erweitert.
Bezogen auf die Blogosphäre sind die Akteure (abstrakter: Knoten) in einem Netzwerk die einzelnen Weblogs. Die sozialen Verbindungen sind die Hyperlinks zwischen Weblogs bzw. Weblogeinträgen. Andere Verbindungen – Kommentare, E-Mail-Austausch oder privater Kontakt – sind im Kontext der Medienform weniger entscheidend, allerdings auch schwieriger zu quantifizieren. Aus diesen Gründen konzentriert sich die Netzwerkforschung auf die Links, die die Weblogs miteinander sichtbar verknüpfen. Einige der vorhandenen Studien zu diesem Feld werden nun untersucht und auf mögliche theoretische und methodische Anregungen abgeklopft.
In der Erforschung sozialer Netzwerke hat sich die Power-Law-Verteilung als ausgesprochen häufiges Phänomen herausgestellt. Solche Verteilungen sind auch als Pareto- oder Zipf-Verteilungen bekannt. (Es gibt zwischen diesen Formen subtile Unterschiede, vgl. Adamic/Huberman 2002). Sie beschreiben – grob gesagt – eine große Zahl sehr niedriger Werte, die neben einer geringen Anzahl ausgesprochen hoher Werte existieren. Bei Pareto (1896) waren es Einkommensunterschiede in Gesellschaften, bei Zipf (1932/49) die Verteilung von Wörtern in der Alltagssprache und die Größe von Städten, die solche Verteilungsmuster annahmen.

Abb. 3 Power-Law-Verteilung der meistverlinkten Weblogs bei technorati.com, nach Kottke (2004)
Kottke (2003) illustriert das Prinzip mit der Verteilung eingehender Links anhand der entsprechenden Top100-Liste der (aus der Blogosphäre) meistverlinkten Weblogs von Technorati.com[35]. (Abb.3)
Einen anderen Weg der Darstellung demonstrieren Adamic/Hubermann (2002) anhand der eingehenden Links auf Internetseiten (Abb. 4, Untersuchung von 1997, Methode nicht näher spezifiziert). Die Grafik zeigt die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Seite mit einer bestimmten Zahl von eingehenden Links in der Grundgesamtheit vertreten ist.[36] Power-Law-Distributionen werden als „skalenlos“ bezeichnet, will sie im Gegensatz beispielsweise zur Gausschen Verteilung keine Endpunkte kennen.

Abb. 4 Darstellung der Power-Law-Verteilung eingehender Links auf Internetseiten (Adamic & Hubermann 2002)
In der Log-Log-Darstellung (Abb. 4) wird deutlich, dass jedem Wert auf der x-Achse eine eindeutige Wahrscheinlichkeit auf der y-Achse zugewiesen werden kann. (Die Darstellung von Kottke (Abb. 3) stellt natürlich nur einen Ausschnitt aus der Verteilungskurve dar.)
Relevant für die
vorliegende Arbeit ist selbstverständlich die Anwendung auf die Weblogcommunity
und deren Vernetzungsstrukturen. Barabasi (2002) liefert das Erklärungsmuster
für Power-Law-Verteilungen, das Shirky (2003) in einem einflussreichen Artikel[37]
aufgreift. Solche Verteilungen entstehen danach aus der freien Auswahl einer
Gruppe von Individuen unter einer großen Zahl von Optionen. Ältere
Publikationen haben bessere Chancen, viele Verknüpfungen aufzubauen – einfach deshalb,
weil ihnen dafür mehr Zeit zur Verfügung stand. Die nahe liegende theoretische
Schlussfolgerung bezüglich des Abbaus von Schranken für Publikationschancen
durch die neuen Medien wäre, dass die Herausbildung eines Kerns von Elitepublikationen
selbst bzw. sogar ganz besonders bei gleichen Zugangschancen und weltweiter
Erreichbarkeit (die mehr Optionen für ein größeres potenzielles Publikum erzeugen)
unvermeidlich ist.
Dieses Argument hat allerdings einen
fundamentalen Fehler:[38] Es
verwechselt die stabilen Merkmale der Struktur des Netzwerkes mit der Dynamik
bezüglich der Akteure, in anderen Worten der Durchlässigkeit der Struktur für
jedes einzelne Weblog. Das wirkliche Problem besteht in den Chancen von
Neugründungen oder Publikationen, die nur wenig vernetzt sind, schnell Leser
und Einfluss zu gewinnen. Die von Shirky dazu vertretene
Hypothese lautet, dass sich die Struktur der Weblogcommunity mit zunehmendem
Alter verfestigen wird: „It's not
impossible to launch a good new blog and become widely read, but it's harder
than it was last year, and it will be harder still next year.”(Shirky
2003). O Baoill (2004) ist noch
pessimistischer: „Given the advantages
conferred on those who either know influential bloggers or can gain their
attention, the system provides a poor implementation of the criterion that a
public sphere should involve a disregard of rank.” Dieses Argument zielt darauf ab, dass
neu startende Weblogautoren die Starthilfe der einflussreichen Platzhirsche
benötigen, um überhaupt gelesen zu werden. Barabasi (2002) ergänzt seine
Theorie dann auch durch einen „Fitnessfaktor“[39], der
die Anziehungskraft von „nodes“ für den Aufbau von Verknüpfungen unabhängig vom
Zeitfaktor spezifiziert. Das Alter des Knotens und die „fitness“ beschreiben
dann gemeinsam, über wie viele Verknüpfungen ein Knoten im Netzwerk verfügt.
Hier verweist Barabasi auf das Beispiel von Google, das zwar scheinbar
verspätet den Markt für Suchmaschinen im Internet betrat, aber diesen dann mit
damals überlegener Technologie – und einem dadurch höheren Nutzwert – aufrollte
und zum klaren Marktführer avancierte.
In der Struktur der Blogosphäre hat sich für die stark verlinkten, „relevanten“ Weblogs der Begriff der „A-List“[40] durchgesetzt (vgl. Shirky 2002, Herring et al. 2005), die große Masse schwach vernetzter Weblogs wird als „long tail“ bezeichnet. Diese A-List harrt allerdings noch einer Definition bzw. Operationalisierung, weil es keine qualitative Unterscheidungsmöglichkeit zwischen A-List-Weblogs und dem großen Rest gibt (Shirky 2003). Es lässt sich allerdings sagen, dass sich die A-List im allgemeinen Verständnis aus den innerhalb der Blogosphäre am stärksten verlinkten Weblogs zusammensetzt. Herring et al. (2005) schlagen ein Rankingsystem vor, in dem Weblogs, die in zwei von drei einschlägigen amerikanischen Top100-Listen der meistverlinkten Weblogs vertreten sind, Punkte anhand ihrer jeweiligen Platzierung erhalten.[41]
Bei Marlow (2004) wird zwischen eingehenden Links auf die Hauptseite[42] und Links auf einzelne Weblogeinträge (Permalinks) unterschieden. Dabei fand er heraus, dass die Zahlen für eingehende Links auf die Hauptseite und auf einzelne Einträge nicht miteinander korrelieren.[43]

Abb. 5 Vergleich von eingehenden Links auf
Startseite und Einzeleinträge, nach Ranking (Marlow 2004)
Er argumentiert, dass die Summe der Links auf einzelne Einträge eines Weblogs Relevanz und Einfluss (im Sinne von Meinungsführerschaft) in der Blogosphäre genauer messen als die Gesamtzahl der eingehenden Links, die eher Popularität anzeigt. In meiner empirischen Analyse werde ich noch einen Schritt weitergehen und dieses Konstrukt für Relevanz nicht (nur) auf ganze Weblogs, sondern auf einzelne Einträge anwenden. Ich bevorzuge im weiteren Verlauf den halbwegs neutralen Begriff „Relevanz“, da „Einfluss“ und das ebenfalls verwendete „Autorität“ eine qualitative Bewertung beinhalten, die sich aus dem bloßen Vorhandensein eines Verweises auf eine Internetseite nicht ableiten lassen. Der Begriff der Autorität ließe sich im Kontext von Zitaten in wissenschaftlichen Arbeiten mit einiger Berechtigung verwenden, für das Einfügen von Links auf Internetseiten existieren aber keine vergleichbaren formalen Regeln wie für das Verfassen wissenschaftlicher Texte. Daher kann es bei Weblogs wesentlich schwerer fallen, die Intention hinter einem Hyperlink zu erkennen. Hier muss der Forscher zwangsläufig seine eigenen Vermutungen einfließen lassen oder den Autor entsprechend befragen.
Wie gesehen, besitzt die Blogosphäre trotz offener Partizipationsmöglichkeiten keine egalitäre Struktur. Vielmehr sorgen gerade die Eigenschaften der Medienform, die zur Ausbildung einer Weblogcommunity führen, für die Entstehung von einigen sehr stark vernetzten Knoten und einem großen Rest von Weblogs, die nur über vergleichsweise wenige Verbindungen – und damit vermutlich auch tendenziell über weniger Leser – verfügen. Für diese weniger beachtete Mehrheit hat sich der Begriff des „long tail“ (in Anlehnung an die beschriebene Power-Law-Verteilung) eingebürgert. Anderson (2004) stellt den Begriff in einen größeren Zusammenhang. Die Kommunikationstechnologie Internet (bzw. seine einzelnen Protokolle) befördert eine Fragmentierung von Öffentlichkeit und Auflösung einer Massenkultur, die ihre Grundlagen in der „economy of scale“ hat. Mit anderen Worten: Die kritische Masse an Rezipienten, die ein Medienangebot zu seiner Finanzierung bzw. Ermöglichung benötigt, ist wegen ständig sinkender Verbreitungs- bzw. Zugangskosten wesentlich kleiner als in der klassischen Medienwirtschaft. Das gilt selbstverständlich besonders für publizistische Angebote.
Der „long tail“ einer Blogosphäre ist also nicht zwangsläufig inhaltlich irrelevant. Dort können durchaus auch spezialisierte Diskurse stattfinden, die auf indirektem Weg in die öffentliche Kommunikation zurückgefiltert werden. Hier breitet sich ein weiteres interessantes Forschungsfeld aus, das in dieser Arbeit nur eine indirekte Rolle spielt.[44]
Vergegenwärtigen
wir uns zunächst, dass es sich bei Weblogautoren in der Regel um Einzeltäter
handelt. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, welche Tätigkeit diese
Autoren in der „realen“ Welt ausüben. Es ergibt auf dieser Ebene noch keinen
Sinn, von Amateuren oder professionellen Autoren zu sprechen, da alle unter den
gleichen Voraussetzungen starten. (Abgesehen davon, dass auf anderen Gebieten
prominente Weblogautoren es leichter haben, auf ihr Weblog aufmerksam zu machen.)
Wichtig erscheint dagegen die weitgehende[45]
Abwesenheit von ökonomischen und institutionellen Publikationsschranken.
Ein Weblogautor
publiziert ausschließlich für sich und/oder sein Publikum. Diese Unabhängigkeit
gibt ihm die völlige Freiheit bezüglich der Themenwahl, der Länge und der
Häufigkeit seiner Beiträge. Natürlich muss er, um von Vielen gelesen zu werden,
gewisse Regeln berücksichtigen. Er muss selbstverständlich unterhaltsame, nützliche,
lesenswerte[46] Inhalte anbieten, aber er
muss sich auch bis zu einem gewissen Grad an die Gepflogenheiten des Mediums
halten. Dazu könnte man beispielsweise die Verlinkung genutzter Quellen oder
die Wahrung der Netz-Etikette in Diskussionen des eigenen oder auch fremden
Weblogs zählen. Innerhalb der Community findet eine Art peer review statt, die
man durchaus als eine schwache Form institutioneller Kontrolle[47] ansehen
kann.
Die
Unabhängigkeit des Weblogautoren und die technischen Vorteile des Internets
kombinieren sich zu einer unschlagbaren Reaktionsschnelligkeit. Welche Gedanken
auch immer der Autor in die Welt setzen will – er ist sofort und ohne
zusätzliche Kosten, aber auch ohne redaktionelle Filtersysteme in der gesamten
Internetwelt zu lesen. Die dezentrale Struktur des Internets bringt es mit
sich, dass der finanzielle und zeitliche Aufwand für einen beliebigen
Rezipienten, eine bestimmte (ohne Zusatzkosten zugängliche) Publikation im
Internet zu erreichen, nahezu gleich verteilt ist – sehr im Unterschied zur
Welt der klassischen Massenmedien. Jedes Weblog startet – Effekte von Marketing
und sozialen Netzwerken nicht eingerechnet – mit den gleichen Chancen gelesen
zu werden.
Es ist wohl nicht besonders kontrovers, dass die Effektivität einer Demokratie zu großen Teilen darauf basiert, ob ihre Bürger in der Lage sind, sich die zu einer intelligenten Entscheidungsfindung bei Wahlen nötigen Informationen zu beschaffen. Diese Aufgabe fällt selbstverständlich den auf Buchdruck und Rundfunkübertragung basierenden Massenmedien zu, die bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts nahezu über ein Monopol auf die Darstellung von Realität verfügten. Es ist auch kein Geheimwissen, dass Journalisten, die klassische Massenmedien mit Inhalten füllen, deswegen große Verantwortung und Macht zufällt.
Ein Problem,
dass die Kommunikationswissenschaft schon seit langem beschäftigt, sind die
Zugangsschranken, die die Bürger daran hindern, an der Konstruktion der
medialen Realität mitzuwirken (Neuberger 2001). Solche Hindernisse sind vielfältig,
zum Beispiel technisch (beschränkte Zahl der verfügbaren Rundfunkfrequenzen) oder finanziell (hoher
Kapitalaufwand zur flächendeckenden Verbreitung von Informationen). Nicht zu
vergessen ist die Professionalisierung des Journalismus, die die
Publikationschancen in Massenmedien mit großer Reichweite an eine langjährige
Ausbildung koppelt.
Diese Professionalisierung kann sich auf eine
normative Legitimierung stützen. Da der Zugang zu den Kommunikationskanälen
notwendig eingeschränkt ist, kann die verantwortungsvolle Aufgabe der
Informationsvermittlung (Ich vereinfache hier.) nur Experten anvertraut werden.
Naturgemäß bilden diese Experten (und die Eigentümer kommerzieller
Massenmedien, sofern sie Einfluss auf Inhalte nehmen) eine Elite, die den
beschriebenen Engpass kontrolliert. Dies schlägt sich beispielsweise in
Deutschland in rechtlichen Privilegien für Journalisten nieder. „Die Meinungen einer Berufsgruppe, die
vielleicht 0,05 Prozent der Bevölkerung ausmacht, wird so mit dem Faktor von
Zeitungsauflagen und Fernsehreichweiten multipliziert. Von einer Chancengleichheit
bei der Teilhabe am Meinungsmarkt kann dann keine Rede mehr sein.“
(Donsbach 1999)
Die
Annahme, dass Journalisten in ihrer Gesamtheit doch repräsentativ für die Bevölkerung
seien, ist wegen Abweichungen bezüglich der politischen und normativen
Vorstellungen der Berufsgruppe gegenüber denen der Bevölkerung nicht haltbar
(Kepplinger 1995) und kann letztlich ohnehin als ein Konstrukt angesehen
werden, um die beschriebene Problemlage zu verschleiern. Natürlich ist es
unsinnig anzunehmen, dass ein Zustand völliger Gleichheit der
Partizipationschancen erreichbar wäre. Entsprechende Forschungen zum
„Two-Step-Flow of Communication“ mit seinem Konzept des „opinion leader“ und
seine Erweiterungen im Forschungsfeld der sozialen Netzwerke legen das Gegenteil
nahe. Die Arbeit von Brosius & Weimann (1996) zeigt, wie sich in sozialen
Netzwerken zwangsläufig informationelle Eliten herausbilden, die nicht nur bei
der Vermittlung und Weiterleitung von Informationen, sondern auch bei der Setzung
von Themenschwerpunkten (Agenda setting) eine wichtigere Rolle spielen als
andere Mitglieder des Systems.[48]
Neue Medienformen wie das Weblog, aber auch Wikis, Diskussionsforen und
kollaborative, nicht kommerzielle Nachrichtenseiten erhöhen nur die
Partizipationschancen für bisher von
medialen Diskursen ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen – bringen aber gerade
deshalb das Potenzial mit, die Spielregeln dieses Diskurses einschneidend zu
verändern.
Die Hoffnung auf das Potenzial des Kommunikationskanals Internet zur Belebung der Demokratie durch Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an öffentlichen Diskursen begleitet die Technologie seit ihrem Vordringen ins Bewusstsein der Gesellschaft in den neunziger Jahren. Als Beispiel sei die dem Thema gewidmete Monographie von Leggewie & Maar (1998) genannt.
Doch erst in den letzten Jahren haben sich Medienformen herauskristallisiert, die ein solches Versprechen einer sozialen Öffnung des Publizierens (Neuberger 2005) tatsächlich mit Leben füllen können. Häufig manifestiert sich die Partizipation der Bürger dabei ganz anders, als man sich es sich damals vorstellen konnte oder wollte.
Zwei neuere
Konzeptionen von partizipatorischem Journalismus sollen hier gegenübergestellt
werden. Bowman & Willis beschreiben das Phänomen als eine Alternative zu
klassischen Massenmedien, das sich aus der Selbstorganisation individueller Aktivitäten
von Bürgern ergibt.
“Participatory journalism: The act of a citizen, or group of citizens, playing an active role in the process of collecting, reporting, analyzing and disseminating news and information. The intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate, wide-ranging and relevant information that a democracy requires. Participatory journalism is a bottom-up, emergent phenomenon in which there is little or no editorial oversight or formal journalistic workflow dictating the decisions of a staff. Instead, it is the result of many simultaneous, distributed conversations that either blossom or quickly atrophy in the Web's social network.” (Bowman & Willis 2003)
Problematisch scheint mir allerdings die implizite Zuschreibung einer Intention für den Akt der Partizipation. Hier wird eine Idealvorstellung beschworen, die an den realen Handlungen von Partizipanten, die durch neue Medienformen auch in die Lage versetzt werden, offensiv eigene Interessen zu vertreten, zerschellen könnte.
Dennoch: Die soziale
Publikationsform Weblog und andere partizipative Medien transformieren den Kommunikationsfluss:
Weg vom Top-down-Ansatz (von einer Elite zur „Masse“), der für die Massenmedien
des 20.Jahrhunderts charakteristisch war; hin zu einem Many-to-many-Kommunikationsmodell.
Dieser veränderte Informationsfluss verändert
auch die Strukturen, die auf dem Kommunikationsparadigma der klassischen
Massenmedien aufbauen – die politischen Systeme der aufgeklärten Demokratien
der westlichen Welt.
Der japanische
Internetaktivist Joi Ito ist ein profilierter Vertreter dieses Denkmodells.[49] Er
glaubt, dass die Möglichkeit der direkten Kommunikation unter Gleichen, die das
Internet (und insbesondere die Form Weblog) bietet, die Grundlagen des Systems
der repräsentativen Demokratie unterminiert. Bei einer Präsentation auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs in
Berlin Ende Dezember 2004 führte er aus: “By
direct democracy, we don’t mean simple majority rule, but a system that evolves
away from the broadcast style of managed consensus to a democratic style of
collective consensus derived from “many-to-many” conversations.” (Joi
Ito 2004)
Man beachte die
Formulierung „broadcast style of managed consensus“[50], mit
der er die Welt der „alten“ Massenmedien und des politischen Systems der
repräsentativen Demokratie beschreibt, beeinflusst von seinen Erfahrungen mit
dem relativ geschlossenen japanischen Politiksystem. Sie unterstellt eine nicht
mehr demokratisch legitimierte Beeinflussung der Meinungsbildung in der
Gesellschaft durch die elitär kontrollierten Massenmedien. Diesem System stellt
Joi Ito eine Utopie gegenüber, in der sich aufgeklärte Bürger über das Internet
einen Wettbewerb der Ideen liefern, die „emergent democracy“. Im Zentrum seiner
Argumentation steht die Hoffnung auf bessere Nutzung brachliegender
Intelligenzressourcen, die durch die Top-down-Struktur massenmedialer
Kommunikation aus dem demokratischen Diskurs ausgeschlossen würden. Partizipatorischer
Journalismus funktioniert in diesem Verständnis als Korrektiv, dass der Gefahr
der Verkrustung der Strukturen westlicher Demokratien auf politischer und
kommunikativer Ebene entgegenwirkt.
Bowman &
Willis wie Joi Ito verfügen über einen allgemeineren, aber auch tiefer greifenden
Ansatz als Gill, der partizipatorischen Journalismus als Ergänzung und
Korrektiv zur Arbeit von ausgebildeten Journalisten, die in Massenmedien
publizieren, versteht. Die Idee einer dominierenden Rolle klassischer
Massenmedien in der öffentlichen Kommunikation bleibt so erhalten. Diese Position könnte man als
moderate Abschwächung
“Participatory journalism is a
concept that embraces an expanded two-way communication between established
media and readers, allowing readers to interact with journalists and news
organizations. Today’s practice of blogging embodies these concepts of
journalism.” (Gill
2004)
Jay Rosen,
Journalismusprofessor an der NYU, arbeitet mit ganz ähnlichen Grundannahmen. Er
konzentriert sich auf die Auswirkungen des „Many-to-many“-Kommunikationsmodells
der neuen Medien auf das System Journalismus. Grundsätzlich gehen seine nun beschriebenen
Thesen davon aus, dass sich in Weblogs eine neue Form von Journalismus
manifestiert, der vor allem eine Herausforderung und transformative Kraft für
klassische Massenmedien darstellt. Diesem neuartigen Journalismus wird eine
bereits große und zukünftig wachsende Rolle in der öffentlichen Kommunikation
zugeschrieben.[51] Die wachsende Bedeutung
von Weblogs und verwandten Formen übe Druck auf die herkömmlichen Medien aus,
sich den sich dadurch verändernden Realitäten anzupassen oder einen zumindest
partiellen Bedeutungs- und Ansehensverlust zu riskieren. Die wichtigsten dieser
Veränderungen seien:[52]
-
Für Rosen enthält eine ausgewogene Berichterstattung
nicht nur die paritätische Darstellung der verschiedenen Sichtweisen der
jeweiligen Akteure, sondern auch die präzise Beschreibung des Standpunkts des
Autors. („He said, she said, we said“)
Die subjektive Natur des Weblogjournalismus ist eine Herausforderung für das vorherrschende
Paradigma vom „objektiven“ Journalismus, das insbesondere im
angloamerikanischen Raum gepflegt wird. (Donsbach & Klett 1993[53])
- Die Innovationen durch neue Medienformen haben für Rosen ebenso einschneidende Wirkung wie Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks. „What the printing press did to the Catholic Church the blogging press is doing to the media church.” Ähnlich wie beim Buchdruck verliert eine Elite, die den Zugang zu Publikationsformen monopolisiert hat, ihren exklusiven Zugang. Um im Bild zu bleiben: Rosen sieht sich eher als Reformator denn als Revolutionär.
-
Many-to-many-Kommunikation führt zu gesteigertem
Feedback durch die Rezipienten. In den meisten Fällen gibt es Leser, die besser
informiert sind als der Autor. Durch die gesteigerten Feedbackmöglichkeiten
(die insbesondere in der Form des Weblogs verankert sind) ersetzt der
Journalist in der Rolle eines Moderators in einem bidirektionalen
Kommunikationsfluss den herkömmlichen Gatekeeper, der die Nachrichten – als
möglichst objektives Abbild der Realität – „von der Kanzel“ herabpredigt (bzw.
sich zumindest in dieser Rolle sieht). Rosen nennt das ideale Ergebnis dieses
Prozesses der zunehmenden Beteiligung des früheren Publikums an der
Textentstehung „Open
Source Journalism“
-
In der Welt des Metamediums Internet sind Inhalte
beinahe beliebig konvertierbar. „Content
will be more important than its container.“ Rosen fordert als Konsequenz
von den Medienunternehmen die Abwendung von einer Selbstbeschreibung als
Verkäufer einer spezifischen Medienform und stattdessen die Entwicklung eines
Selbstverständnisses als Hersteller von Inhalten.
Letztlich lässt
sich natürlich auch diese letzte Idee wieder in den Zusammenhang einer
Subjektivierung von Journalismus stellen. Die Bereitstellung von Fakten verliert
im digitalen Zeitalter durch die blitzartige Verbreitung und vollständige Konvertierbarkeit
von Informationen rasant an Wert, gefragt sind vielmehr Wegweiser, die dem
entstandenen Informationschaos Bedeutung und Struktur abringen.
Natürlich darf
dabei nicht in Vergessenheit geraten, dass klassische Medien wie Tageszeitungen
oder Funk- und Fernsehnachrichten traditionell auch dieser Aufgabe nachkommen. Doch
die neuen Medienformen im Internet in ihrer spezifischen Fähigkeit, einer
großen Menge und Bandbreite von Stimmen Ausdruck zu geben und diese zu
verknüpfen, liefern dafür möglicherweise bessere Lösungen. Hier liegt der
fundamentale Kern der Positionen von Joi Ito, Rosen und anderen Vertretern einer
gesellschaftsverändernden Kraft partizipativer Medien: Der feste Glaube an die Emergenz einer höheren kollektiven
Intelligenz aus der Vielstimmigkeit der neuen Medienformen. „Now, by
subscribing and linking to online sources we trust, the consumers of blog
content are becoming a kind of collective editorial system. The more attentively we sift and analyze and
share our discoveries online, the more the writers of blogs (and whatever blogs
evolve into) can grow a social intelligence: personally tunable but
collectively produced sense-making and way-finding. At least that's a plausible ideal.“ (Rheingold 2003)
Die neuen
Medienformen im World Wide Web, im besonderen Maße Weblogs, zeichnen sich durch
eine Demokratisierung der Partizipationsmöglichkeiten an medialer Kommunikation
aus. Eine verstärkte gesellschaftliche Akzeptanz und Nutzung solcher
Medienformen kann zu substantiellen Veränderungen in den Kommunikationsflüssen
und damit der Struktur der öffentlichen Sphäre führen. Insbesondere erscheint
es möglich, dass neben die bisher öffentliche Kommunikation kontrollierende
Akteure Wettbewerber treten, deren Realitätsbeschreibungen mit denen der gesellschaftlich
noch relevanteren und mit höherer Akzeptanz versehenen klassischen Massenmedien
konkurrieren. „In the many-to-many environment of the Net,
every desktop is a printing press, a broadcasting station, and place of
assembly. Mass-media will continue to exist, and so will journalism, but these
institutions will no longer monopolize attention and access to the attention of
others.” (Rheingold 1999)
Diese
neuen Eliten werden natürlich die alte „Medienaristokratie“ nicht unmittelbar
ablösen, sondern zunächst nur ergänzen. Die vorgestellten Thesen werfen eine
Reihe von zentralen Forschungsfragen auf, die im weiteren Verlauf der Arbeit
teilweise noch bearbeitet werden:
Es gibt
eine Reihe von Parametern, die für eine solche Frage relevant sein könnten.
Ganz besonders interessant ist die Frage, ob sich die Weblogcommunity (wie zu
vermuten ist) aus bereits vorher Medienschaffenden, eventuell sogar im Journalismus
tätigen Personen zusammensetzt. Das würde die These von der „neuen Elite“ zwar
nicht grundsätzlich verwerfen (da sich die grundsätzlichen Strukturen dennoch
verändern), aber doch relativieren und um eine interessante Komponente erweitern.
Daneben sind aber auch Kategorien wie Alter, Geschlecht und Bildung von
Interesse.
Neue
Medienformen und neue Kommunikationsstrukturen bringen mutmaßlich auch neue
inhaltliche Strukturen und Ausdrucksformen hervor. Diese Arbeit wird sich im
empirischen Teil vor allem mit den thematischen Vorlieben der deutschen Weblogcommunity
beschäftigen. Dabei werde ich versuchen, zumindest für den deutschen Sprachraum
empirisch zu prüfen, ob überhaupt journalistische Inhalte in nennenswertem
Umfang in Weblogs auftauchen. Denkbar sind aber auch Untersuchungen über
formale Aspekte. Zu vermuten ist, dass in Weblogs ein weniger formalisierter
Stil gepflegt wird als etwa in Tageszeitungen. Wegen das hohen Ausmaßes an interpersonaler
Kommunikation in Weblogs könnte man z.B. an eine Analyse von Umgangsformen und
Normen denken.
Auch diese
Frage wird in dieser Arbeit nicht geklärt werden können. Es werden allerdings
im folgenden Abschnitt Vorschläge zur Konzeptualisierung von journalistischer
Qualität in Weblogs diskutiert.
Im Kapitel
1.2.3 werden zudem einige Einzelfälle dargestellt, in denen es der
Weblogcommunity gelang, gravierenden Einfluss auf die politische Öffentlichkeit
in den USA auszuüben.
Bevor die typischen Objektivitätskriterien, die gemeinhin an die journalistische Arbeit angelegt werden (Schulz 2000, S.332ff.), einfach auf Weblogs, die sich zu gesellschaftlich relevanten Themen äußern, übertragen werden, muss man sich die Frage stellen, ob ein solches Vorgehen überhaupt sinnvoll und der Form Weblog angemessen ist. Es fällt nicht schwer, grundsätzliche Argumente zu finden, die dagegen sprechen:
a) Weblogs sind
überwiegend private Internetseiten. Damit unterliegen sie nicht einer wie auch
immer formulierten gesellschaftlichen Aufgabe der Medien, unabhängige und
objektive Berichterstattung zu gewährleisten und können diese auch nicht übernehmen.
Die entsprechenden rechtlichen Regelungen ruhen auf dem Fundament einer
technischen Beschränkung der Senderkapazitäten, die im Internet schlicht nicht
existiert. Ebenso ist die für den Bereich der Presseerzeugnisse geltende Gefahr
der Monopolisierung von publizistischen Teilmärkten aus Wettbewerbsgründen
nicht übertragbar. Eine politische Begründung, die Einhaltung von Normen wie
Unparteilichkeit und Ausgewogenheit von Weblogschreibern zu fordern bzw. deren
Nichtbeachtung zu beklagen, ist daher nicht zu halten.
b) Weblogs repräsentieren – für jeden Leser erkennbar – nichts anderes als die Stimme ihrer Autoren. Sie besitzen sozusagen einen eingebauten „bias“. Versteht man Objektivität mit Donsbach (1991) als „Intersubjektivität der Realitätsbeschreibungen“, wird die Absurdität eines solchen Anspruchs an ein naturgemäß subjektives Medium deutlich. Das betrifft vor allem die Kriterien[54] der Relevanz, Ausgewogenheit und Vielfalt. Weblogs sind nur insoweit wegen mangelnder Objektivität kritisierbar, wie sie einen entsprechenden Anspruch zu erkennen geben. Das gilt selbstverständlich auch für diejenigen Weblogs, die in Verbindung mit kommerziellen Medien erscheinen.
Konzipiert man jedoch Weblogs als eine dicht vernetzte und kommunizierende Community, lässt sich diese als in höchstem Maße binnenpluralistische Medienform (oder aber als ein außenpluralistisches Mediensystem) erfassen, in der jede Perspektive auf die Welt ihre Chance bekommt, gehört und kritisiert zu werden. Doch Qualitätskriterien an die Blogosphäre insgesamt anzulegen, ist ebenfalls nicht sinnvoll – es gibt keine zentrale Institution, an die entsprechende Ansprüche zu richten wären.
“The very things that make weblogs so valuable as alternative news
sources – the lack of gatekeepers and the freedom from all consequences – may
compromise their integrity and thus their value.” (Blood 2002)
Wie gesehen, unterscheiden sich Weblogs als Medienform in vielen Aspekten grundlegend von den klassischen Massenmedien. Der Zugang unterliegt keinerlei institutioneller Kontrolle und die Zugangsschranken (funktionierender Internetanschluss, technische Grundkenntnisse) sind äußerst gering. Jegliche Kontrolle und Bewertung der Inhalte von Weblogs geschieht, im Gegensatz zu klassischen Massenmedien, erst nach der Publikation. Über Relevanz und Autorität eines Weblogs entscheidet (bisher) hauptsächlich die Community. Die möglichen Maßnahmen, die der Community zur Durchsetzung von eventuellen Normen zur Verfügung stehen, sind dabei Kritik und Nichtbeachtung. Leider liegt es – nicht zuletzt deshalb – außerhalb der Möglichkeiten einer quantitativen Analyse, festzustellen, welche Normen in der Community allgemeine Gültigkeit besitzen oder wie sie entstehen. Daher werde ich mich hier auf einige einflussreiche Beispiele stützen, die zeigen, dass das Thema in der Webloggemeinde durchaus ernsthaft diskutiert wird.
Gillmor (2005) will das Ziel der objektiven Berichterstattung für den gesamten Journalismus neuartig fassen: “I'd like to toss out objectivity as a goal, however, and replace it with four other notions that may add up to the same thing. They are pillars of good journalism: thoroughness, accuracy, fairness and transparency.” Leider spezifiziert er Gründlichkeit und Genauigkeit nicht weiter. Mit Genauigkeit ist vermutlich sachliche Richtigkeit gemeint. Fairness, als eine Art Ersatz für Ausgewogenheit, bedeutet für Gillmor vage das Einholen verschiedener Stimmen, aber nicht die bloße Wiedergabe der „party lines“. Interessant, weil den Möglichkeiten des Internets gerecht, ist dagegen die Einbeziehung eines Rückkanals vom Rezipienten (also die Beteiligung am eigenen Kommentarforum) als Indiz für Fairness. Mit Transparenz ist die vollständige Offenlegung von eigenen Interessen und möglichen Einflussfaktoren auf die Inhalte gemeint, in Anlehnung an entsprechende Regelungen im Wirtschaftsjournalismus.
Kurz macht es Weblogpionier Dave Winer (2002), der allerdings nicht journalistische Qualität, sondern „Integrität“ als vorrangiges Ziel definiert:
„ I think these two rules are
necessary and sufficient:
1. Disclose all pertinent
information about your interests.
2. Never state as fact something you
know not to be true.”
Die zwei
Forderungen sind Teilaspekte von Transparenz[55] und
sachlicher Richtigkeit, entbinden Weblogger aber von der Aufgabe einer
gründlichen Recherche. Eine solche Definition überlässt es dem Weblogleser, den
Inhalt von Weblogs gegen den möglichst transparent gemachten Bias des Autors
abzuwägen.
Auch Blood (2002) unterbreitet einige praktische Vorschläge zur Ethik von journalistischen Weblogs:
„1. Publish as fact only that which you believe to be true.
2. If material exists online,
link to it when you reference it.
3. Publicly correct any
misinformation.
4. Write each entry as if it
could not be changed; add to, but do not rewrite or delete, any entry.
5. Disclose any conflict of interest.
6. Note questionable and biased
sources.”[56]
Der erste und
dritte, auch der sechste Punkt können als Minimalkriterien im Bemühen um
„sachliche Richtigkeit“ zusammengefasst werden, die anderen Forderungen
beziehen sich auf Anforderungen an Transparenz (5) und die Angabe und Verlinkung
von Quellen (2,6). Der vierte Punkt ist mediumspezifisch, er bezieht sich auf
die Bewahrung der chronologischen Identität des Weblogs.
Die Problematik der Transparenz ist in der Weblogwelt stärker zu berücksichtigen als in den klassischen Massenmedien. Informationen über die hinter einem Weblog steckende reale Person können teilweise schwer erhältlich sein – und Anonymität ist oft beabsichtigt und manchmal (man denke an „Salam Pax“) auch notwendig. Wollen Weblogautoren aber bei den „richtigen“ Journalisten mitspielen, ist die Preisgabe der realen Identität absolut erforderlich. Zur Transparenz gehört daneben auch die Offenlegung von finanziellen oder beruflichen Interessenkonflikten. Ein Beispiel aus den USA: Als der Betreiber von „Daily Kos“ 2003 vom damaligen Anwärter auf die demokratische Präsidentschaftskandidatur Howard Dean für Beratungstätigkeit bezahlt wurde, erschien auf der Startseite des Weblogs der Hinweis „I do some technical work for Howard Dean“, der auf einen längeren Text verwies, der die Art seiner Tätigkeit für Dean detailliert schilderte. Überraschenderweise schützte ihn das nicht vor einer verspäteten Skandalierung des Vorgangs im Januar 2005.[57] Ausgerechnet eine frühere Mitarbeiterin der Dean-Kampagne (Teachout 2005) setzte mit einem die Beziehungen zum „Daily Kos“-Betreiber erklärenden Weblogeintrag die Diskussion in Gang, am nächsten Tag griff die Washington Post das Thema auf, das es schließlich sogar als „breaking news“ ins Hauptprogramm von CNN schaffte. Die Kommentare zum genannten Weblogeintrag liefern aufschlussreiche Indizien darüber, wie die Transparenznorm in der Community diskutiert wird.
Die Wikipedia-Bewegung ist in gewisser Hinsicht der Gegenentwurf zur Weblog-Community unter den partizipativen Medienformen. Während Weblogs die Stimme des Einzelnen repräsentieren, ist das Wiki-Prinzip auf intersubjektivem Konsens bei gleichzeitiger Offenhaltung der Partizipationsmöglichkeiten aufgebaut. Wikipedia ist eine Online-Enzyklopädie, für die jeder Interessent Einträge einreichen und editieren kann. Die Verfasser sind angehalten, einen „neutral point of view“ einzunehmen. Die wissenschaftliche Validierung der Einträge soll durch so genannte „soziale Protokolle“[58] gewährleistet werden. Praktisch bedeutet das, dass die Community nach festgelegten Mechanismen über den Wahrheitsgehalt der Artikel entscheidet. Die Autorenschaft der Beiträge liegt nicht bei Einzelpersonen, sondern bei der Community.[59] Der quantitative Erfolg der Wikipedia ist bereits beeindruckend.[60] Am 21. Januar 2005 feierte die deutsche Ausgabe von Wikipedia ihren 190000. Eintrag, die englische Ausgabe nähert sich Anfang 2005 der Marke von einer halben Million Artikeln.[61] Entscheidend für die Qualität der Wikipedia-Einträge ist natürlich die Entwicklung angemessener sozialer Protokolle, die eventuell doch von redaktioneller Kontrolle flankiert werden könnten. Krempl (2005) berichtet von Schwierigkeiten bei der Qualitätssicherung, die sich aus der Mitarbeit von unqualifizierten und teilweise mutwillig Falschinformationen verbreitenden Autoren ergeben.
Ein ähnliches Projekt zur intersubjektiven Validierung von Nachrichtenbeiträgen hat die Arbeit aufgenommen.[62] Auch andere kollaborative Nachrichtenseiten, die jedoch nicht auf dem Wiki-Prinzip beruhen, haben teilweise beachtliche Erfolge[63] erzielt (Möller 2005). Eine Befragung der Betreiber solcher Seiten von Neuberger (2004) ergab, dass sich bei derartigen Projekten eine Arbeitsteilung von Community und Redaktion bei der Qualitätskontrolle herauskristallisiert.[64]
Während die Einhaltung journalistischer Objektivitätsnormen im klassischen Journalismus auf einem Zusammenspiel von institutioneller Kontrolle und internalisierten Einstellungen von Journalisten (die zweifellos auch in der Ausbildung erworben werden) basiert, wird in der Weblogcommunity der Aspekt der institutionellen Kontrolle potenziell durch in der Blogosphäre ausgehandelte Normen ersetzt. Die Einhaltung solcher Normen beruht ausschließlich auf freiwilliger Anerkennung, da die Community nur über eingeschränkte Sanktionsmechanismen verfügt.
Die Antwort auf die Frage nach Relevanz und Verlässlichkeit der in Weblogs verbreiteten Informationen kann die Weblogcommunity daher selbst geben, indem sie Normen entwickelt, denen sich ihre Mitglieder freiwillig unterwerfen können. Dafür braucht es womöglich auch entsprechend anerkannte Institutionen (im weiteren Sinne), die sich aber nur aus der Selbstorganisation der Community heraus entwickeln können. Es ist zu erwarten, dass solche Normen eher grundlegende ethische als enge formale Vorgaben darstellen, da sich die Weblogcommunity, wie aus den Positionen einflussreicher Vertreter wie Rosen und Ito[65] ersichtlich, als Alternative zu den klassischen, professionalisierten Massenmedien versteht und der offene Zugang zum Medium als konstitutives Grundmerkmal erhalten bleiben muss.
Die
Wikipedia-Bewegung zeigt in Ansätzen, wie ein solches Unterfangen gelingen
könnte. (Der Community werden hier allerdings auch enge formale Vorgaben zur
Artikelerstellung gemacht.) Ihr zugrunde liegendes Prinzip kann als Konkurrenz
zum Weblog gesehen werden, die für die intersubjektive Beschreibung der
Realität besser geeignet ist. Nachrichtenseiten auf Wiki-Basis besitzen großes Potenzial
als funktionales Äquivalent eines internetbasierten partizipatorischen
Journalismus zur klassischen Nachrichtenagentur.[66]
Allerdings ist unklar, wie der natürliche Geschwindigkeitsnachteil ausgeglichen
werden soll, der durch die Notwendigkeit des Einigungsprozesses auf eine
„definitive“ Version von Ereignissen entsteht. Ein zentrales Problem ist außerdem
die Motivation einer ausreichenden Zahl von freiwilligen Teilnehmern zur
Mitarbeit und zur Internalisierung der aufgestellten Regeln, mithin zur Zurückstellung
eigener Interessen hinter die Interessen und Ansprüche der Community.
Nach diesen theoretischen Streifzügen wende ich mich nun wieder der näheren Betrachtung der Internet-Medienform Weblog zu. Um zu einer präziseren Beschreibung journalistischer Formen in Weblogs zu gelangen – und nebenbei die Operationalisierbarkeit für die empirische Analyse zu verbessern – werde ich die schwer definierbare Kategorie des journalistischen Weblogbeitrags in mehrere Unterkategorien aufteilen. Ich greife hier auf den empirischen Teil vor, da der Abschnitt sehr lang ist und einige theoretische Erwägungen enthält. Eine ganz ähnliche Charakterisierung von journalistischen (und anderen) Formen nehmen Bowman & Willis (2003, S. 33-36) vor. Da ich diesen Text erst gegen Ende der Bearbeitungszeit fand und teilweise auch andere Akzente gesetzt werden, habe ich meine ursprünglichen Begriffswahlen erhalten und setze die ungefähre Entsprechung bei Bowman & Willis kursiv in Klammern.
Investigativer Journalismus (annotative reporting)
– Faktenbeschaffung durch eigenständige journalistische Recherche (z.B.
Beschaffung schwer zugänglicher Informationen, Interviews, Datenanalysen)
Watchblog (fact
checking) – Beobachtung und Bewertung der Arbeit anderer Medien / Journalisten
Meinung (commentary) – Beschreibung subjektiv
geprägter Positionen und Einstellungen zu gesellschaftlichen / kulturellen /
politischen Fragen
Filter (filtering and editing) – Sammeln von Verweisen
auf in anderen Medien verbreitete Informationen unter einem bestimmten
Gesichtspunkt
Unique perspective (grassroots reporting) – Beschreibung eines Ereignisses oder einer Situation aus erster Hand
Diese Kategorien können zunächst auf einzelne Weblogeinträge angewandt werden, allerdings können auch ganze Weblogs sich selbstverständlich auf eine oder mehrere Kategorien konzentrieren. Im folgenden Kapitel werden – teilweise unter Nutzung von Beispielen – diese Kategorien daraufhin untersucht, inwiefern sie von der Form Weblog profitieren bzw. welche Bereiche besser von anderen Medienformen abgedeckt werden können.
Investigative
Formen erfordern oft langwierige und kostspielige Recherchen. Große
Medienunternehmen besitzen hier gegenüber Amateur-Webloggern natürliche (potenzielle)
Vorteile, zum Beispiel durch größere Finanzreserven, höhere Rechtssicherheit
und juristische Privilegien für ihre handwerklich gut ausgebildeten Mitarbeiter
und weitreichende Informantennetzwerke. Sie verfügen (und Utopisten wie Ito oder
Rosen würden sagen: noch) über größere Akzeptanz und Autorität beim Publikum,
um auch komplexe und schwerer zu fassende Geschichten platzieren zu können. Einzelne
Amateurweblogger mögen in den Besitz interessanter exklusiver Informationen gelangen.
Doch Weblogs lassen sich kaum als ein ideales Medium für investigativen
Journalismus klassifizieren. Es ist dann auch entsprechend schwierig, passende
Beispiele für Weblogs zu finden, in denen eine ausdauernde Recherche zu
Aufsehen erregenden Enthüllungen geführt hat. Allerdings wird es mit großer Wahrscheinlichkeit
in naher Zukunft Anschauungsmaterial geben.
Ein ideales Feld
für Weblogautoren ist dagegen das Aufspüren und Vergrößern von Details, die im
alltäglichen Rauschen der etablierten Medien untergehen.[67] Esther
Scott (2004)[68] liefert eine Fallstudie,
wie der Verstärkungseffekt des Weblognetzwerkes den republikanischen „majority
leader“ des amerikanischen Senats Trent Lott wegen als rassistisch wahrgenommenen
Bemerkungen im Dezember 2002 zu Fall brachte. Die Bemerkungen im Rahmen einer
Rede waren zwar von einigen Fernsehsendern kurz aufgegriffen und kritisiert
worden, jedoch ohne große Skandalwirkung zu erzielen. Auch ein Essay auf den
hinteren Seiten der Washington Post und das Aufgreifen der Geschichte durch die
New York Times konnten Lott nicht in Gefahr bringen. Einige Weblogs hielten das
bereits scheintote Thema jedoch im Gespräch, nach einigen Tagen schaffte die in
der Blogosphäre schwelende Diskussion um einen notwendigen Rücktritt Lotts ein
Comeback in der Washington Post und der New York Times sowie einigen Diskussionsrunden
im Fernsehen. Lott war gezwungen, zunächst etliche immer stärkere Entschuldigungen
zu liefern und dann doch zurückzutreten.
Ein interessanter Aspekt der Studie ist die Ansicht einiger der befragten Weblogger, dass es besonders dem Engagement des einflussreichen A-List-Webloggers Glenn Reynolds (www.instapundit.com) zu verdanken war, dass die Story „am Leben“ blieb.
Der Fall macht
aber auch deutlich, dass die Weblogcommunity die klassischen Massenmedien noch als
Verstärker benötigt, um Einfluss geltend zu machen und wie komplex das
Zusammenspiel der verschiedenen Medienformen sich im Einzelfall darstellen
kann. Wie der erfolgreiche Weblogautor
Duncan Black („Atrios“) am Ende der Studie auf den Punkt bringt: „Weblogs still
need the validation of print and television media – otherwise it’s just a bunch
of people ranting away on the Internet, which is nothing new.”
Eine Überwachungsrolle gegenüber der Arbeit
der Massenmedien ist auf private Weblogs (die in diesem Fall zu so genannten Watchblogs (Glaser 2004) mutieren) zugeschnitten und hat
das Potenzial, die Autorität der klassischen Massenmedien zu untergraben. Weblogs
sind in der Lage, sehr schnell und effektiv Medieninhalte (andere Weblogs
eingeschlossen) zu kommentieren und zu kritisieren. Nicht nur, dass sich
Weblogs als Teil einer globalen Konversation in der Blogosphäre beschreiben
lassen – die klassischen Medien werden, ob gewollt oder nicht, in diese
Konversation mit einbezogen.
Die Kategorie
beschränkt sich auf Kritik bzw. Bewertung medialer Inhalte unter professionellen
Gesichtspunkten. (Sie wäre sonst nahezu allumfassend, da sich Weblogs zu weiten
Teilen mit bereits medienvermittelten Themen beschäftigen.) Ein anschauliches
Beispiel stellt das für ein deutsches Weblog recht erfolgreiche „Bildblog“ (www.bildblog.de)
dar, das sich ausschließlich mit Fehlern, Ungenauigkeiten, ideologischer (bzw.
populistischer) Voreingenommenheit, Vermischung von redaktionellen Inhalten mit
Werbung und anderen Verstößen gegen journalistische Grundregeln in der
BILD-Zeitung und ihrer Onlineausgabe auseinandersetzt.
Zum
Vorzeigebeispiel der Watchdog-Funktion von Weblogs[69]
wurde das Ende der Karriere des legendären CBS-Anchormans Dan Rather im
amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2004. CBS hatte in der Show „60
Minutes“ Dokumente vorgestellt, die Präsident George W. Bush diverser
Pflichtverletzungen während seines Militärdienstes bezichtigten sollten.[70] Noch
am selben Tag stellte das konservative Weblog „Little Green Footballs“ fest,
dass das angeblich 30 Jahre alte Dokument scheinbar mit einer neuen Version der
Textverarbeitung „Microsoft Word“ hergestellt worden sein musste (Johnson 2004).
Das löste sofort eine breite Diskussion in der Blogosphäre und mit einem Tag
Verzögerung auch in der landesweit erscheinenden Presse aus (Miller 2004). Das
Weblog gilt jedoch als republikanerfreundlich, so dass CBS zunächst die
Vorwürfe mit Hinweis auf dessen Parteilichkeit zurückwies – eine gravierende
Fehleinschätzung. Die Weigerung von CBS, die (wahrscheinlich berechtigten)
Anschuldigungen überhaupt zu untersuchen, ließ das Problem letztlich eskalieren
und führte unter anderem zum Rücktritt von Rather.
Anhand des Falles Dan Rather werden die Stärken des Mediums Weblog deutlich. Die Wahrscheinlichkeit, den groben handwerklichen Fehler der „60 Minutes“ – Redaktion, derart offensichtlichen Hinweisen auf eine Fälschung nicht nachzugehen, aussitzen zu können, war angesichts der zahlreichen Medienbeobachter aus der Blogosphäre verschwindend gering. Das gilt natürlich besonders angesichts der Tragweite der Anschuldigungen gegen den amtierenden Präsidenten. (Allerdings standen hier nicht diese Anschuldigungen, sondern die mangelhafte Verifikation der Quelle zur Debatte.) Natürlich wäre es unsinnig zu behaupten, dass die Aufdeckung des Fehlers nur dank der Aufmerksamkeit der Weblogger möglich wurde. Wie im Fall Lott handelt es sich hier um ein komplexes Zusammenspiel „klassischer“ und „neuer“ Medien (und möglicherweise der Arbeit einer PR-Firma für die Republikaner, behauptet Pein (2005)). Für die Veränderung der Strukturen der politischen Kommunikation durch Weblogs kennzeichnend ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich der geplante Scoop von „60 Minutes“ in einen GAU für die journalistische Glaubwürdigkeit von CBS verwandelte. Das Problem für den einzelnen Weblogger ist dabei, mit seiner mangelnden journalistischen Autorität gegen solch eine ehrwürdige Nachrichteninstitution anzutreten. Den nötigen Hebel, um gehört und ernst genommen zu werden und letztlich die Sphäre der großen Medienorganisationen zu erreichen, lieferte die vernetzte Struktur der Blogosphäre. Es sind die Verlinkung und die Kommentare der anderen Weblogger, die einem Beitrag das Gewicht und die Autorität[71] verleihen können, zu einer breiten öffentlichen Diskussion beizutragen. Allerdings sollte nicht unterschätzt werden, dass eine einzige Erwähnung in einem reichweitenstarken Massenmedium den Bekanntheitsgrad eines Weblogs noch viel schneller steigern kann.
Die Funktion als Nachrichtenfilter
liegt den Weblogs, wie aus ihrer Geschichte erkennbar, praktisch in den Genen.
Die Verknüpfung zu anderen Webseiten über Links ist ein Grundbestandteil von
Veröffentlichungen im World Wide Web. Die Stärke dieser Verknüpfungen liegt
natürlich in der Geschwindigkeit, in der der Nutzer zu den verlinkten Inhalten
springen kann. Aber die Linkstruktur des Internets verändert die gesamte
Medienlandschaft auf subtilere Weise. In der Welt der alten Massenmedien hatte
der einzelne Konsument die Wahl zwischen verschiedenen voneinander abgegrenzten
Kanälen. Die engmaschige Vernetzung von Internetseiten sorgt für eine enorme
Komplexitätsverschärfung in der öffentlichen Kommunikation. Ist das Verknüpfungsnetz
dicht genug gestrickt, ist irgendwann jeder Punkt von jedem anderen über ein
paar Links erreichbar. Die einzelnen Kanäle verschwinden im Internet in einer
gigantischen Konversation. In diesem Sinne sind Weblogs mit ihren Communityfeatures
und Permalinks eine extrem internetgemäße Form: Potenzielle Knotenpunkte dieser
Konversation, die zusätzlich eine persönliche Stimme repräsentieren.[72]
Als Forum für
Kommentare sind Weblogs so gut geeignet, so dass sie das Monopol der klassischen
Massenmedien auf die Interpretation aktueller Ereignisse ernsthaft gefährden
können. Das Weblogformat erlaubt auch kurze und pointierte Einlassungen, im
Kontrast zu (beispielsweise) den langen Kommentaren der Meinungsseiten in
Tageszeitungen, aber vor allem eine extrem schnelle Reaktion – wegen der Geschwindigkeit
des Mediums, aber auch wegen des Wegfalls der redaktionellen Kontrollebene. Kontroverse
Meinungsäußerungen in viel gelesenen Weblogs werden im Allgemeinen promptes
Feedback auslösen. Die Diskussion ist schon in Gang gesetzt, wenn die
Meinungsseite der Tageszeitung erst erscheint.[73]
Natürlich relativiert sich das, wenn diese Tageszeitung über eine gut betreute
Onlineausgabe verfügt. Auch dann fehlt allerdings gegenüber dem Weblog die
Diskussion von Autor und Lesern auf „einer Ebene“.
Natürlich ist
die Unterscheidung zwischen Nachrichtenfiltern und Meinungsäußerungen
theoretisch nützlich, in der realen Blogosphäre vermischen sich aber beide
Formen. Einige der populärsten Seiten in den USA (laut Technorati Top 100) sind
politische Meinungsseiten, die die besprochenen Themen auch ausführlich verlinken.
Der viel verlinkte[74] konservative
Weblogautor Andrew Sullivan ist ein typischer Vertreter dieser Form und sieht
solche Weblogs als neuartige Form in den Traditionslinien von Zeitungskolumne
und Talkradio. (Sullivan 2002) Viele dieser Meinungsweblogs sind in der Tat
nicht unbedingt unparteiisch. Darüber hinaus stellt Welsch (2005) in einer
Netzwerkanalyse fest, dass die Netzwerke der politisch „progressiven“ bzw.
„konservativen“ Weblogs zwar innerhalb der eigenen Sphären stark vernetzt sind,
aber praktisch kaum miteinander in Kontakt treten. Adamic & Glance (2005)
bestätigen diese Ergebnisse. Zusätzlich fanden sie kaum politisch unabhängige oder
neutrale Weblogs, die einen nennenswerten Verlinkungsgrad erreichten.[75] Zusätzlich
fanden Adamic & Glance, dass sich unter den 40 meistverlinkten Weblogs
überhaupt (hier wurden Daten von blogpulse.com verwendet) allein 20 konservativ
und acht liberal tendierende politische Meinungsseiten befanden. Je nach
politischer Orientierung[76]
tendierten die Weblogs in der Verlinkung von Nachrichtenseiten auffällig zu unterschiedlichen
Quellen. (Abb. 6) Insgesamt zeigt die Studie, dass die US-amerikanische
Blogosphäre bereits stark politisch geprägt ist und der politische Teil in zwei
verschiedene Cluster zerfällt. Möglicherweise füllen die Politweblogs – wie
auch die populären Talkradiosendungen – eine Marktlücke, die die großen US-amerikanischen
Medien mit ihren strikten Regeln zur Gewährleistung von Objektivität (ob diese nun
erfolgreich sind oder nicht) und ihrer engmaschigen redaktionellen Kontrolle
zurücklassen.

Abb. 6 Verlinkung von Nachrichtenquellen durch konservative und liberale US-amerikanische Weblogs, nach Adamic & Glance (2004)
Wegen der
subjektiven Natur des Weblogs ist es naheliegend, dass eine Stärke des Mediums
in der Beschreibung aus erster Hand („unique
perspective“) besteht. Eine Art Durchbruch erlebte diese Form während des
zweiten Golfkriegs im Frühjahr 2003, als Insiderberichte von irakischen Bürgern
oder Soldaten der amerikanisch geführten „Koalition“ die Aufmerksamkeit auf
sich zogen. Während Presse- und Fernsehjournalisten durch Militärzensur und die
Praktiken des „Embedded Journalism“ nur eine eingeschränkte Sicht der
Ereignisse liefern konnten, lieferten Weblogs erstaunliche Einblicke in die
Realitäten des Krieges. Weltweit berühmt wurden die Berichte aus dem irakischen
Alltag im Weblog des jungen Bagdader Architekten „Salam Pax“[77] (McCarthy
(2003). Die Bekanntheit dieses Weblogs warf allerdings auch kritische Fragen
zur Kredibilität des Mediums auf – „Salam Pax“ musste sich hinter seinem
Pseudonym verstecken (offensichtlich hätte er sonst schnell in Schwierigkeiten
geraten können), so dass es für den oberflächlichen Leser unmöglich war zu
beurteilen, ob er überhaupt existierte oder eine Erfindung eines Teenagers
irgendwo in Arizona war. Wirklich erfunden hatte dagegen Weblogautor Sean-Paul
Kelley seine „exklusiven“ Berichte von der irakischen Front, die er zum größten
Teil aus einem Newsletter des Unternehmens Stratfor übernommen hatte. (Forbes
2003)
Den Wert von
Weblogs als Quelle von Informationen, die professionellen Journalisten nicht
zugänglich sind, deutete sich während der Flutkatastrophe Ende 2004 in
Südostasien an. Weblogs glänzten unmittelbar nach dem Einschlag der verheerenden
Tsunamis nicht nur mit äußerst schneller Vorort-Berichterstattung zu einem Zeitpunkt,
als das Ausmaß der Zerstörung von zahlreichen Massenmedien völlig verkannt
wurde, sondern auch durch Koordination
von und Informationen zu ersten Hilfsanstrengungen. (Schwartz 2004)
Auf den letzten
Seiten wurde dargestellt, wie Weblogs zu bestimmten Aspekten von Journalismus in
Konkurrenz treten oder die Arbeit der klassischen Massenmedien ergänzen können.
Es ist gleichzeitig aber problematisch, jene Weblogs, die einen im weitesten
Sinne journalistischen Anspruch verfolgen, als Journalismus im herkömmlichen
Sinn zu beschreiben. Eine solche Sicht würde einer Kritik leichtes Spiel geben,
die die Qualität journalistischer Inhalte an klassischen Kriterien misst.
Wichtig ist insbesondere, dass die Zuschreibung von Autorität in der Weblogcommunity anders funktioniert. Die nochmals an Komplexität zulegende mediale Kommunikation des 21. Jahrhunderts braucht Institutionen, denen genug Vertrauen entgegengebracht wird, die Informationsflut sinnvoll zu kanalisieren. Klassische Massenmedien stützen ihren Anspruch einer adäquaten Beschreibung der Realität auf die Grundlagen von professionellen Standards der journalistischen Arbeit und der Einbindung ihrer Autoren in ein Netz institutionalisierter redaktioneller Kontrolle. Im Gegensatz dazu wird die Arbeit von Weblogautoren durch die Zustimmung bzw. Ablehnung der sie umgebenden Community validiert. Sinnvoller erscheint daher eine Konzeptualisierung der Blogosphäre als sich selbst organisierender Informationsraum, der eine Alternative und Ergänzung zu klassischen Massenmedien darstellt.
Zentral im
Verhältnis von klassischen und partizipativen Massenmedien ist zukünftig die
Frage, ob die Konversation in den neuen Medien die bestehenden Strukturen und
Formen des massenmedialen Diskurses übernimmt oder neuartige Muster entwickelt
werden. Diese Frage ist bei weitem noch nicht zu entscheiden. Auffällig ist die
Polarisierung der politischen Diskussion in der US-amerikanischen Blogosphäre
in „rechte“ und „linke“ Weblogs. Das bietet natürlich Anschlussmöglichkeiten an
typische Strukturen des massenmedialen Diskurses, die sicherlich dazu
beigetragen haben, dass Weblogs in den USA bereits einen festen Platz in der
politischen Kommunikation übernommen haben. Allerdings bringt diese Entwicklung
auch große Risiken mit sich, die das Ideal von der Gegenöffentlichkeit, das Ito
und andere beschwören, gefährden können. Die Begehrlichkeiten von Akteuren aus Politik,
Wirtschaft und Massenmedien, Weblogs für eigene Zwecke zu instrumentalisieren,
werden wachsen. Wenn Weblogs sich professionalisieren, werden Weblogautoren
zwangsläufig in ähnliche finanzielle Abhängigkeiten und Interessenkonflikte
geraten, wie sie für alle kommerziellen Massenmedien gelten.
Vielleicht sind
es nicht die Inhalte von Weblogs, sondern die im Verlauf der Ausformung des
Mediums entwickelten technologischen Innovationen, die die öffentliche
Kommunikation revolutionieren werden. Es mehren sich bereits die Zeichen, dass
klassische Presseunternehmen sich von der reinen Textübertragung vom Papier auf
den Server (Neuberger 2000[78]/ 2004)
abwenden und internetgerechtere Publikationsformen (zu denen zweifellos das
Weblog gehört) entwickeln. Als bemerkenswert weblogaffin stellt sich
beispielsweise Simon Waldman, Online-Direktor des renommierten „Guardian“
heraus: „The Guardian is striving not to
be ‚on’ the Web, but of it.“ (Waldman 2004). Der Guardian unterhält nicht
nur eigene Weblogs (viele Onlineableger gehen dazu über, u.a. „Die Zeit“ (www.zeit.de/blogs/index)
und das ZDF (tsunami-blog.zdf.de ), er setzt sich von der Konkurrenz auch durch
konsequente Perma-Verlinkung aller Artikel (anstatt – möglicherweise auch noch kostenpflichtiger
– Archivierung) ab. Waldman stellt dar, wie dieses Vorgehen die Auffindbarkeit
der Inhalte durch Suchmaschinen wie Google begünstigt. Auch die sich ausbreitenden
RSS-Newsfeeds, die nur in Verbindung mit Permalinks effektiv funktionieren, unterstützen
den Trend zu internetspezifischen Publikationsformen. Eine Software, die
Newsfeeds empfängt, behandelt Ticker von Nachrichtenagenturen, Internetpräsenzen
klassischer Medien und neue Medienformen wie kollaborative Nachrichtenseiten
und Weblogs völlig gleichrangig.
Es ist deutlich geworden, dass die Forschungen zu Eigenschaften von Weblogs und vor allem zu Strukturen der Weblogcommunity international im Jahr 2004 erheblich intensiviert wurden. Man kann jedoch noch nicht von einem klar abgesteckten Forschungsfeld sprechen. Die deutschsprachigen Weblogs sind in ihrer inhaltlichen Dimension bisher praktisch überhaupt noch nicht erforscht. Daher wird eine Reihe von Voruntersuchungen durchgeführt, die zwei Zwecken dienen:
1. Untersuchung einiger im theoretischen Teil genannter Hypothesen aus der Forschung in Anwendung auf die deutschsprachige Blogosphäre
2. Sammlung von Hinweisen für die Kategorienbildung der folgenden Inhaltsanalyse
Bei den methodischen Ansätzen in der Weblogforschung sind häufig technische Hilfsmittel involviert, die von verschiedenen Webseiten zur Verfügung gestellt werden. Entsprechend werden auch in dieser Arbeit solche Vorarbeiten benutzt.
Für den deutschsprachigen Raum bietet sich die Verwendung der Suchfunktionen und Statistiken von Blogstats an. Die empirische Studie befasst sich vor allem mit „relevanten“ Weblogs und Weblogeinträgen, die innerhalb der Blogosphäre einen gewissen Vernetzungsgrad erreichen. Ich gehe im Folgenden davon aus, dass Blogstats einen überwältigenden Anteil dieser relevanten Weblogs und ihrer Inhalte erfasst, so dass man mit Recht von einer deutschsprachigen Blogosphäre sprechen kann.
Blogstats erfasst nicht nur Weblogs und Einträge, sondern analysiert auch die im Text enthaltenen Hyperlinks und stellt Statistiken zur Verfügung, wie sich die communityinternen Links auf die einzelnen Weblogs verteilen. Diese Daten werden in dieser Arbeit verwendet, um eine Stichprobe zu erhalten, die innerhalb der Weblogcommunity bezüglich ihrer Relevanz bestätigt wurde und so wesentliche thematische Strukturen der deutschsprachigen Weblogcommunity repräsentiert. Weiterhin liefert Blogstats auch Informationen zur Verlinkung spezifischer Nachrichtenseiten anderer Onlinemedien aus der Weblogcommunity heraus, die ebenfalls zu einer Untersuchung herangezogen werden.
Die vorliegende Studie befasst sich im Kern mit einer inhaltsanalytischen Auswertung deutschsprachiger Weblogs. Dazu werden einige weitere Daten erhoben. Die Inhaltsanalyse zerfällt in zwei Teile. Der Kern besteht in der Analyse einzelner Weblogeinträge nach einer weiter unten explizierten Methode. Daneben werden auch Eigenschaften der in Weblogeinträgen am häufigsten zitierten Nachrichtenbeiträge von kommerziellen Onlinemedien erhoben. Diese zweite Analyse baut auf der entwickelten Methode auf und wird im Anschluss daher nur kurz erläutert.
Als geeignete Methode, die inhaltlichen Besonderheiten deutschsprachiger Weblogs zu erfassen, bietet sich die Inhaltsanalyse an. Sie stellt laut Früh (2001) eine „empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen“ dar. Die geeignete Analyseeinheit ist der einzelne Weblogeintrag. Für den einzelnen Eintrag ist eine gewisse inhaltliche Kohärenz zu erwarten, die die Codierung eines thematischen Schwerpunkts überhaupt erst möglich macht. Die meisten Weblogs werden dagegen von Eintrag zu Eintrag thematische Brüche und Stilwechsel oder auch sich im Laufe der Zeit verschiebende Schwerpunkte aufweisen. Offener ist die Frage, ob man diese Einträge als Teil eines Weblogs oder als Bestandteil des größeren Mediums Blogosphäre konzeptualisiert. Die hier getroffene Entscheidung sieht alle Einträge als Teil der Blogosphäre. Da die einzelnen Weblogs gemäß der Relevanz ihrer Einträge in der Stichprobe repräsentiert sind[79], wird davon ausgegangen, dass eine Zusammenfassung und Präsentation der Ergebnisse als inhaltliche Struktur der Blogosphäre angebrachter ist als eine Aufschlüsselung nach Weblogzugehörigkeit. Im Kapitel 2.3 wird jedoch vereinzelt diese Zugehörigkeit thematisiert, wenn in den Daten auffällige Strukturen zu erkennen sind.
Von zentraler Bedeutung in der Analyse ist, welche Arten von gesellschaftlichen Diskursen in der Medienform Weblog bzw. in der Blogosphäre, die im theoretischen Teil als neuartiges Medium charakterisiert wurde, aufgenommen und behandelt werden. Zu diesem Zweck sollen Inhalte im Rahmen einer Themenanalyse gesellschaftlichen Bereichen zugeordnet werden. In klassischen Massenmedien findet eine Klassifizierung von Nachrichten gezielt statt, etwa nach Themenbereichen in der Ressortverteilung von Tageszeitungen oder nach Relevanz durch formale Betonung – bei Zeitungen und Rundfunksendungen die Platzierung und der Umfang der Artikel bzw. Beiträge. Solche Konventionen sind dem Inhaltsanalytiker bei der Stichprobenauswahl und der Gewichtung von Analyseeinheiten behilflich.
Weblogeinträge machen es dem Wissenschaftler nicht so leicht. Die Einträge sind lediglich chronologisch geordnet, die Länge sagt ebenfalls nichts über die Relevanz aus. Die Beschreibung der Blogosphäre als emergentes, beobachtbares Ergebnis der Interaktion von Weblogautoren macht eine Konzeptualisierung von Relevanz als eine einem Weblog oder auch einem einzelnen Eintrag intersubjektiv von der Community zugeschriebene Eigenschaft möglich. Ein Eintrag, der von vielen anderen Weblogs verlinkt wird, ist auf dieser Abstraktionsebene äquivalent zu einem Zeitungsartikel, der von der Redaktion auf die Titelseite gehoben wird. Bemerkenswert ist dabei natürlich, dass die Institutionen, die bei klassischen Massenmedien über die Relevanz eines Textes entscheiden, in der Blogosphäre wegfallen. An die Stelle internalisierter oder festgelegter professioneller Normen bei der Auswahl von Nachrichten durch Journalisten tritt die intersubjektive Bewertung durch die Community.[80] Diese Überlegungen müssen berücksichtigt werden, wenn die Möglichkeiten einer Inferenz der Forschungsergebnisse auf die Realität gesichtet werden.
Zur Rolle dieses Inferenzschlusses existieren in der Literatur durchaus unterschiedliche Ansichten, wie Baumann (2001) herausarbeitet. Während Merten (1995) ihn als notwendigen Bestandteil der Methode der Inhaltsanalyse betrachtet („eine Methode, […] bei der von Merkmalen eines manifesten Textes auf einen nicht-manifesten Kontext geschlossen wird“), gilt Früh (2001) die Inhaltsanalyse als Instrument, das auch eine Existenzberechtigung als reine Beschreibung von Medieninhalten besitzt. Aus diesem fein anmutenden Unterschied ergeben sich Konsequenzen für die Interpretierbarkeit der Daten. Frühs Konzept erlaubt weitere und offene Interpretationen, weil (bzw. wenn) die Daten hier Aspekte der Realität abbilden, während in der Definition nach Merten die Validität der Daten nur im Rahmen des vom Forscher entwickelten theoretischen Konzepts angenommen werden kann.
Für die vorliegende Arbeit mit ihrem eher explorativen Anspruch, die ein bisher kaum bearbeitetes Feld beleuchtet, erscheint mir Frühs etwas flexiblere Auslegung angemessen zu sein. Voraussetzung dafür ist es, im themenanalytischen Teil die Kategorien möglichst offen zu gestalten und nicht zu sehr theoretisch vorzustrukturieren.[81] So ist eine Verwertbarkeit der Daten möglich, ohne dass detaillierte theoretische Vorannahmen geteilt werden müssen, die für die sich noch entwickelnde Blogosphäre möglicherweise nur über eine kurze Lebenserwartung verfügen würden. Daher habe ich mich beispielsweise in der Kernkategorie der öffentlich relevanten Themenfelder für eine intersubjektiv nachvollziehbare Orientierung an gesellschaftlichen Subsystemen entschieden.
Bei der Inhaltsanalyse zu berücksichtigen sind nicht nur die Eigenschaften der Weblogform im Besonderen, sondern auch die speziellen Eigenschaften von Medienangeboten im World Wide Web im Allgemeinen. So lässt sich die Wahl der verwendeten Stichprobenauswahl noch aus einer anderen Perspektive begründen. Rössler / Wirth (2001) unterscheiden für die Erforschung von Medienangeboten im World Wide Web zwischen angebots- und nutzerzentrierten Inhaltsanalysen. Nutzerzentrierte Analysen beziehen die „Angebotsrealisationen“, also die tatsächliche Nutzung der Angebote, mit ein, während angebotszentrierte Analysen darauf verzichten. Eine nutzerzentrierte Analyse umfasst zwangsläufig auch Erhebungen über Art und Intensität der Angebotsnutzung. Hier schlagen die Autoren technisch erhebbare Reichweitenkriterien wie Page-Impressions und Visits vor, zu ergänzen wäre auch noch die Zahl der Nutzer (im Gegensatz zur Zahl der Nutzungen). Weblogs sind allerdings in Deutschland noch relativ kleine publizistische Einheiten, so dass sich eine konsistente und vollständige Reichweitenerhebung als schwierig bis unmöglich herausstellte.[82] Eine rein angebotszentrierte Herangehensweise bringt jedoch ebenfalls nicht viel. Das logische Resultat wäre eine rein zufällige Stichprobe aus allen Weblogs. Weblogs sind ja bezüglich ihres Inhalts völlig offen und daher vermutlich auch keine sehr homogene Medienform. Man weiß zum Beispiel nichts über die Intentionen eines Weblogautors, es könnte sich zum Beispiel um ein rein privates Weblog für Familie und/oder Freunde handeln.[83] Man würde so die Weblogs im „Long Tail“, die nur für eine eng begrenzte, an einem spezifischen Thema interessierte Nutzergruppe relevant sind, mit denjenigen Weblogs vermischen, die an einer Partizipation an öffentlichen Diskursen aktiv interessiert und relativ gesehen am erfolgreichsten sind. Die Spitze des „Eisbergs“, die oft verlinkten (und damit vermutlich viel, wenn auch nicht unbedingt am meisten gelesenen) Weblogs, werden in einer solchen Stichprobe dann sehr schwach repräsentiert. Das wäre wiederum fatal, weil es in dieser Studie nicht nur um den aktuellen Stand der Medienform, sondern auch um eine Exploration der Potenziale geht – und die zeigen sich da, wo eine gewisse Wirksamkeit in der öffentlichen Kommunikation bereits unter Beweis gestellt wurde.
Dass sich eine Beschreibung der Inhalte der Blogosphäre weder ausschließlich auf eine Orientierung auf das Angebot noch auf die Nutzungsdaten stützen sollte, geht also auf die Eigenschaften des Mediums zurück: Eine saubere Trennung von Lesern und Anbietern ist hier schlicht nicht möglich, weil jeder Leser ein zumindest potenzieller Anbieter ist. Hier zeigt sich, dass kommunikationswissenschaftliche Vorarbeiten in die Irre führen können, sofern sie auf einem Verständnis von Massenkommunikation mit weitgehend unidirektionalem Kommunikationsfluss beruhen.
Zu erwähnen ist
noch die Besonderheit der Hyperlinks, die in gewisser Hinsicht den Zitaten in
wissenschaftlichen Texten ähneln.[84]
Durch die direkte Erreichbarkeit befinden sich die verlinkten Inhalte
allerdings deutlich näher am untersuchten Text. Sie dienen nicht nur als Belege
für die Aussagen des Autors, sondern können letztlich beinahe wie direkte
Zitate behandelt werden, sofern aus dem Kontext sichtbar wird, dass die
Bekanntheit des verlinkten Materials für die Rezeption vorausgesetzt wird. Bei
der Codierung muss das berücksichtigt werden. Verlinkte Inhalte müssen im
Zweifelsfall einbeziehbar sein, um den Kontext eines Eintrags zweifelsfrei zu
klären.
Alle diese Überlegungen ändern jedoch nichts am
fundamentalen Problem, dass für neue Formen wie das Weblog standardisierte
Verfahren der Inhaltsanalyse noch fehlen. Sie können sich nur aus einem
Abstimmungsprozess innerhalb der wissenschaftlichen Community entwickeln. Herring (2004) fasst das Dilemma
zusammen:
„...there
is a risk that methodological precision and interpretability of research
results may suffer in the short term. Analyses may not be comparable across
researchers; some may be ad hoc. It may be difficult to appreciate initially
how an analysis involving methodological innovation is representative and
reproducible—the criteria for ‘robust’ analysis.”
Da beide Wege im Augenblick also nicht richtig begehbar sind, wird für die in dieser Analyse gewählte Stichprobe aus Weblogeinträgen auf eine Mischung zwischen Angebots- und Nutzerzentrierung zurückgegriffen. Man könnte etwas ungenau formulieren, dass ein Indikator für die Nutzung anderer Angebote durch die Anbieter selbst zur Samplebestimmung herangezogen wird. Es wird auf das in Kapitel 2.1 beschriebene Konstrukt der aus der Weblogcommunity eingehenden Links als Indikator für (intern zugeschriebene) Relevanz zurückgegriffen.
Die Vorteile dieser Herangehensweise liegen auf der Hand: In die Stichprobe schaffen es nur Inhalte, die von einer gewissen Zahl von anderen Weblogs als relevant angesehen wurden. Hinter jedem codierten Eintrag stehen also mehrere Weblogs, die den Inhalt als interessant genug einstuften, um auf ihn zu verweisen. Bei genauerer Betrachtung entstehen allerdings auch Probleme. Man hat keine Informationen darüber, in welchem Umfeld die eingehenden Links stehen. Es ist zum Beispiel nicht möglich, von einem Link darauf zu schließen, ob der verlinkte Eintrag einer scharfen Kritik oder Ablehnung unterzogen wird. Jeden einzelnen Link dahingehend zu überprüfen, erfordert einen (zu) großen zusätzlichen Aufwand. Zusätzlich können natürlich technische Erfassungsprobleme die Ergebnisse verzerren. Schlimmer noch sind absichtliche Manipulationen, um die Position im Blogstats-Ranking zu verbessern. Stichprobenartige Überprüfungen ergaben allerdings, dass solche Verzerrungen zwar vorkommen, aber selten genug sind, um die verwendete Methode nicht zu diskreditieren.[85]
Bei der vorgeschlagenen Auswahlmethode bleiben noch immer zwei Möglichkeiten:
Einerseits könnte die Zahl der gesamten eingehenden Links für ein Weblog als Indikator genutzt werden, um aus deren Einträgen dann eine zufällige oder zeitbezogene Auswahl zu treffen. Dabei entsteht die Problematik, dass die so ermittelten Einträge nicht unbedingt diejenigen sind, die für das starke Interesse anderer Weblogautoren verantwortlich sind. Darüber hinaus sorgt die sehr unterschiedliche Aktualisierungsfrequenz – sowohl verschiedener Weblogs als auch innerhalb eines spezifischen – für Schwierigkeiten bei der Auswahl der Stichprobe.
Eine zweite, diese Probleme umgehende Auswahlmethode ist die Auswahl der am stärksten verlinkten Einzeleinträge. Angesichts einiger zehntausend Weblogs mit potenziell qualifizierten Einträgen ist diese Methode jedoch (leider) unpraktikabel.[86] Daher wird ein zweistufiger Auswahlprozess gewählt, der aus der Liste der 100 meist verlinkten Weblogs in einer zweiten Stufe die am stärksten verlinkten Einzeleinträge herausfiltert.
Blogstats sammelt – wie beschrieben – die Adressen aller deutschsprachigen Weblogs (soweit sie erfassbar sind bzw. sein wollen) und zusätzlich auch Inhalte der Einträge aller Weblogs, die mit RSS-Feeds arbeiten. Aus den Inhalten werden die Hyperlinks herausgefiltert und kategorisiert. Mithin werden alle von Weblogeinträgen ausgehende Links gesammelt.
Blogstats stellt nun auf der Webseite verschiedene Abfragemöglichkeiten zur Verfügung.[87] Neben der Anzeige der 100 am häufigsten verlinkten Weblogs kann auch mittels Suchfunktion für jede beliebige URL die Zahl der Links in allen erfassten Einzeleinträgen – die ja über spezifische Adressen (Permalinks) verfügen – ermittelt werden, mit ausführlicher Aufschlüsselung nach einzelnen Unterseiten.[88]
Aus den obigen Überlegungen und der Beschränkung auf die von Blogstats angebotenen Anfragen ergab sich folgende Methode der Stichprobenziehung:
Die 100 URLs der am häufigsten in der deutschen Blogosphäre verlinkten Weblogs werden in die Suchfunktion von Blogstats eingegeben, um eine Aufschlüsselung der eingehenden Links nach einzelnen Einträgen zu erhalten. Einträge mit mindestens vier eingehenden Links werden in die Stichprobe übernommen. Diese Einträge stellen die Analyse-, aber auch die Codiereinheiten dar.[89] Die Stichprobenziehung fand am 31. Januar 2005 von 15 Uhr bis 15:30 Uhr[90] statt. Da blogstats.de erst Anfang 2004 die Arbeit aufgenommen hat, wurde auf vor dem 1. März 2004 publizierte Einträge verzichtet.
Die Stichprobe enthält also Beiträge von zehn Monaten. Ein Problem bei der Vergleichbarkeit der Zahl eingehender Links ist die Tatsache, dass die Blogosphäre in dieser Zeit um einiges angewachsen ist. Neuere Einträge könnten also leicht überrepräsentiert sein.[91] Den Schwellenwert bei neueren Einträgen stufenweise anzuheben erschien mir aber zu willkürlich.
Der Schwellenwert von vier Querverweisen wurde gewählt, um eine angemessen große Stichprobe zu erhalten. Wünschenswert wäre sicherlich ein höherer Schwellenwert gewesen, um die Relevanz der Einträge besser zu gewährleisten. Bereits eine Erhöhung dieses Wertes um eins hätte allerdings die Zahl der Einträge in der Stichprobe nahezu halbiert. (Hier zeigen sich die Eigenheiten von Pareto-Verteilungen.)
Interessant wäre es natürlich, bei der Auswahl der Stichprobe auch Verweise von anderen Onlinemedien auf Weblogs zu berücksichtigen. Leider ist die Bedeutung von Weblogs noch nicht ausgeprägt genug, um aussagekräftige Daten darüber zu erheben. Die Berichterstattung über deutschsprachige Weblogs hat zwar ab der zweiten Hälfte von 2004 durchaus zugenommen, doch handelt es sich häufig um allgemeine Einführungen in das Auftauchen der neuen Medienform unter Verwendung von oft willkürlich gewählten Beispielen.[92]
Bei der Kategorienexploration habe ich mich an den Erläuterungen von Früh (1995) in seinem Standardwerk „Die Inhaltsanalyse“ orientiert. Früh plädiert für eine Mischung aus theorie- und empiriegeleiteter Kategorienbildung, die er als „basiswissengeleitete offene Kategorienfindung“ bezeichnet.
Die Erforschung inhaltlicher Dimensionen von Weblogs ist noch in einem frühen Stadium. Aus diesem Grund hat die Inhaltsanalyse der relevanten Weblogeinträge der deutschen Blogosphäre einen ausgesprochen explorativen Charakter. Das bedeutet für die Kategorienbildung, dass nicht auf umfangreiche theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse zurückgegriffen werden kann. In der theoretischen Diskussion von Weblogs[93] haben sich jedoch zwei zentrale Merkmale der Medienform herausgebildet, die auch die Kategorienbildung beeinflussen:
a) Die Herausbildung einer communityartigen Struktur durch die Möglichkeiten, die die im Zusammenspiel von Softwareentwicklern, Weblogprovidern und Autoren entwickelte heute übliche Form des Weblogs für deren Vernetzung und Interaktion bietet.
b) Das Potenzial der Medienform Weblog für eine Öffnung öffentlicher Diskurse für neue Partizipanten.
Die Inhaltsanalyse soll nun zeigen, ob und wie Weblogautoren sich bereits in gesellschaftliche Diskurse einbringen – oder zumindest einen entsprechenden Versuch zu unternehmen. Die Kategorien müssen daher in der Lage sein zu erfassen, welche gesellschaftlich relevanten Themenbereiche Weblogs inhaltlich abdecken. In einem zweiten Schritt soll untersucht werden, in welcher Weise Weblogs Realität beschreiben.[94] Für einen kommunikationswissenschaftlichen Blick besonders interessant ist dabei natürlich, ob Weblogautoren auf bestimmte Stilmittel und Normen des Journalismus zurückgreifen.
Aus diesen Überlegungen leite ich die grundlegende Struktur des Kategoriensystems ab. Folgende Gruppen von Kategorien werden benötigt:
Darunter fallen die URL, das zugehörige Weblog, Datum und die Anzahl der eingehenden Links und Kommentare. Diese Daten dienen einerseits der Identifizierung und sollen andererseits die Interpretation der Ergebnisse nach zeitbezogenen Kriterien und der Stärke des Feedbacks aus der Blogosphäre ermöglichen.
Zusätzlich wird die Grundform des Beitrags erhoben. Hier sind ansatzweise inhaltliche Elemente enthalten, weil zusätzlich erhoben wird, ob sich der Beitrag auf eine Quelle von außen bezieht und deren Inhalt diskutiert oder eigenständige, vom Autor selbst strukturierte Inhalte enthält. Die Länge der Einträge (bzw. des Eintragstextes) wird ebenfalls erhoben, ist aber vermutlich von geringer Relevanz. Da die Struktur eines Eintrags sehr offen ist, deutet ein langer Text nicht zwingend darauf hin, dass der Autor ihm eine größere Wichtigkeit zuschreibt als kurzen Einträgen.
Diese Kategorien erfassen formale Kriterien der Hauptquelle, auf die sich der Autor bezieht. Dabei wird zwischen im Internet zugänglichen Quellen und Quellen aus klassischen Massenmedien unterschieden. Die Quellen werden anschließend nach grundlegenden Merkmalen des Mediums klassifiziert, in denen sie erschienen sind. Das Kriterium für die Klassifizierung ist, welche Akteure hinter der jeweiligen Online-Publikation stehen.[95] Die namentliche Erfassung der Quellen sichert ab, dass sie für weitergehende Untersuchungen zur Verfügung stehen.
Statt der Bestimmung einer einzigen „Hauptquelle“ hätte natürlich auch die Erfassung mehrerer Quellen ermöglicht werden können. (Für Zweifelsfälle wurde dies auch getan.) Allerdings wurde davon ausgegangen, dass der Impuls des Autors, einen Eintrag (wenn er sich denn auf eine Quelle bezieht) zu verfassen, auf dem Konsum einer bestimmten Quelle beruht. Daher wird versucht, aus dem Text der Analyseeinheit exakt diese Quelle herauszufiltern. Es wird also versucht, eine Unterscheidung zwischen dem Anlass des Eintrags und den Verweisen im Text, die nur zur näheren Erläuterung dienen, im Zuge von Recherchen des Autors gefunden wurden oder (auch das kommt vor) nur Teil einer Auflistung nach bestimmten Kriterien sind, zu operationalisieren. Solche Verweise wurden nicht erfasst. Diese Entscheidung wurde getroffen, weil Verweise in ganz unterschiedlicher Form auftreten können. Eine vollständige Klassifizierung der verschiedenen Arten von Verweisen erschien mir im Verhältnis zum Erkenntnisgewinn als zu aufwändig.[96] Eine pauschale Erfassung aller Verweise hätte eine noch geringere Aussagekraft.[97]
Hierbei handelt es sich um die Hauptkategorien, denen das zentrale Erkenntnisinteresse der Analyse gilt. Für jeden Eintrag wird ein zentrales Thema bestimmt, das der Text behandelt. Weitere eventuell berührte Themen werden nicht erfasst. Im Zweifelsfall wird die inhaltliche Rahmung des besprochenen Themas stärker berücksichtigt als das Thema selbst.
So wird verfahren, weil man davon ausgehen kann, dass Links (die ja die Grundlage der Stichprobenauswahl darstellen) auf einen Eintrag sich im Allgemeinen auf dessen Kernaussage beziehen. Außerdem ist es, wie meine Voruntersuchungen bestätigten, in der Weblogcommunity üblich, einzelne Einträge auf ein besprochenes Thema zu beschränken.[98] Da nicht das eigentliche Thema, sondern eine abstrakte Kategorie codiert wird, können mehrere Schwerpunkte in Einträgen meistens unter einer Kategorie subsumiert werden. Diese Methode ist zwar nicht für jeden Eintrag ideal, wurde aber auch gewählt, weil sie eine bessere Intersubjektivität der Codierung ermöglicht. Durch den teilweise recht informalen Stil der Einträge und die zahlreichen Hyperlinks, deren Inhalt oft erst den Kontext des Eintrags deutlich macht, war es oft schwer genug, überhaupt ein zentrales Thema zu finden.
Der Inhalt der Texte wird zunächst nach Selbstbezüglichkeit klassifiziert. Bei den Voruntersuchungen stellte sich heraus, dass in Weblogs ganz verschiedene Arten von Selbstbezug vorkommen: Einträge können sich um Themen der Weblogcommunity, des eigenen Weblogs oder das private Umfeld des Autors drehen. Die letzten beiden Ausprägungen werden nicht weiter untersucht, weil sie keine direkten Beiträge zu einem öffentlichen Diskurs darstellen.[99]
Einträge mit dem Fokus Weblogcommunity (oder Blogosphäre) werden nach den im Vordergrund der Diskussion stehenden Aspekten weiter klassifiziert. Diese Kategorie wurde auf der Grundlage von Voruntersuchungen und einer groben theoretischen Konzeption von den wichtigsten Themenbereichen[100] ausdifferenziert.
Diejenigen Einträge, die im Kern keinen Selbstbezug ausweisen, sondern Themen des öffentlichen Diskurses[101] behandeln, werden in einer weiteren Unterkategorie behandelt. Die Differenzierung erfolgt hier nach einer groben Vorstellung von den wichtigsten gesellschaftlichen Subsystemen, deren Beobachtung ja die Aufgabe von Öffentlichkeit ist. Zum Teil wurde der gängigen Ressortverteilung von Tageszeitungen gefolgt (Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Medien, Wissenschaft), die Ausprägungen wurden dann im Laufe von Voruntersuchungen ergänzt (Informationstechnik, Recht). Die codierten Ausprägungen werden dann in weiteren Unterkategorien noch näher untersucht. Hier handelt es sich um mehr oder weniger experimentelle Differenzierungen, die der weiteren Exploration dienen sollen.
In der letzten Gruppe von Kategorien wird untersucht, ob sich der Autor des Eintrags der weblogtypischen journalistischen Stilmittel bedient, die im theoretischen Teil an Hand von Fallbeispielen behandelt wurden. Das Codebuch enthält die genauen Operationalisierungen für diese Stilformen. Im Verhältnis zu klassischen journalistischen Genres können diese ungefähren Analogien gezogen werden:
Meinung – Kommentar, Essay
Recherche – investigativer Journalismus
Unique perspective – Reportage
Watchblog – Medienkritik
Filter – Nachricht
Der zweite Teil der Inhaltsanalyse folgt im grundlegenden Design den obigen Bemerkungen. Ich werde mich daher auf die vorgenommenen Anpassungen beschränken:
Für die Stichprobenauswahl wurden zunächst häufig genutzte Nachrichtenquellen in Weblogs ermittelt. Mittels der Blogstats-Auflistung der meistverlinkten Nachrichtenstories der letzten sieben Tage[102] wurden die Onlinemedien ausgewählt, die die entsprechenden Nachrichten verbreitet hatten. Die Liste wurde, soweit nötig, ergänzt von Onlineausgaben der fünf großen überregionalen deutschen Tageszeitungen, der wichtigen Nachrichtenmagazine sowie Onlinenachrichtenseiten einiger Internetportale, Fernsehsender und ausgewählter englischsprachiger Medien. Anschließend wurden analog zum vorigen Verfahren die URLs der Nachrichtenseiten in die Blogstats-Suchfunktion eingegeben und alle Einzelbeiträge mit mindestens zehn Links aus der Blogosphäre in die Stichprobe übernommen. Der Schwellenwert wurde etwas höher gewählt, weil
- Nachrichtenbeiträgen formal stärker standardisiert sind als Weblogeinträge, so dass eine kleinere Stichprobe gewählt werden kann[103]
- die großen Nachrichtenseiten generell etwas häufiger verlinkt werden als selbst die einflussreichsten Weblogs[104]
Es wurde ein erheblich gekürztes Codebuch verwendet, das sich auf die Erhebung des Themenschwerpunkts konzentriert. Die Kategorien wurden weitgehend beibehalten, um die Vergleichbarkeit mit den Ergebnissen der ersten Analyse zu gewährleisten.
Im ersten Schritt der Stichprobenauswahl wurden per Abfrage bei Blogstats die 100 Weblogs ermittelt, die von den meisten anderen Weblogs mindestens einen Link erhalten hatten. Tabelle 4 zeigt die zehn Weblogs mit den meisten Linkquellen:
|
Platz |
Weblog |
Verweise |
Quellen |
Verweise/Quelle |
Startseitenverweise
(in %)[105] |
|
1 |
Der
Schockwellenreiter |
3003 |
564 |
5,3 |
9,5 |
|
2 |
Bildblog |
730 |
489 |
1,5 |
59,5 |
|
3 |
PlasticThinking:
Moe's Blog. |
1582 |
476 |
3,3 |
18,1 |
|
4 |
Industrial
Technology & Witchcraft |
2232 |
472 |
4,7 |
12,9 |
|
5 |
Lummaland
- das Weblog |
1316 |
311 |
4,2 |
16,7 |
|
6 |
Irgendwas
ist ja immer |
494 |
294 |
1,7 |
46,6 |
|
7 |
Das
E-Business Weblog |
750 |
282 |
2,7 |
17,2 |
|
8 |
Argh! |
466 |
279 |
1,7 |
40,3 |
|
9 |
Anke
Gröner |
358 |
266 |
1,3 |
60,6 |
|
10 |
wirres.net |
906 |
263 |
3,4 |
13,8 |
|
|
Boingboing.net |
887 |
316 |
2,8 |
19,7 |
|
|
Slashdot.org[106] |
1429 |
229 |
6,2 |
9,0 |
|
|
Gizmodo.com |
249 |
150 |
1,7 |
|
|
|
Joi.Ito.com |
371 |
142 |
2,6 |
22,6 |
Tabelle 4: Meistverlinkte deutschsprachige Weblogs
nach www.blogstats.de, 30. Januar 2005
Zum Vergleich
wurden auch die laut der Webseite „The Truth Laid Bear“[107] 100
relevantesten internationalen (das entspricht im Wesentlichen den
US-amerikanischen) Weblogs einer Blogstats-Auswertung unterzogen.
Offensichtlich ist die Sprachbarriere aber doch recht hoch[108] und
die Internationalität der Blogosphäre nicht sehr ausgeprägt. Viel beachtete
amerikanische Politweblogs wie „Daily Kos“ oder „Instapundit“ werden in der
deutschen Blogosphäre erwartungsgemäß weitgehend ignoriert – sie sind eher auf
national begrenzte Diskussionen in den USA fixiert. Die mehr technisch
orientierten „Boingboing“ und „Gizmodo“ genießen dagegen eine recht hohe Aufmerksamkeit.
Der Quotient von Verweisen und
Quellen ist sehr unterschiedlich (entsprechender Durchschnittswert der
Top100-Weblogs: 2,4). Eine passende Vermutung wäre, dass Weblogs mit vielen Verweisen
pro Quelle eher wegen der kontinuierlichen Qualität der einzelnen Einträge
verlinkt werden. Für eine genauere Interpretation müssen dann auch Daten herangezogen
werden, wieviele Verweise auf die Startseite bzw. einzelne Einträge entfallen. Bei
einigen Weblogs entfielen mehr als 50% der Verweise auf die Startseite, bei
anderen weniger als 10%. Ohne das näher auszuführen[109]:
Hier lässt sich eventuell eine Linie ziehen zwischen „Konzeptweblogs“, die eher
durch ihre Grundidee oder ihre durchgehende formale Qualität überzeugen, und
Nachrichtenlieferanten, die eher eine Nachrichtenfilterfunktion für die
Community übernehmen. Mischformen sind dabei natürlich nicht auszuschließen.
Analog zur Ermittlung der gut vernetzten Weblogs wurde für Nachrichtenquellen im Internet verfahren – allerdings musste diese Liste „per Hand“[110] erstellt werden:
|
Platz |
Nachrichtenmedium |
Verweise |
Quellen |
Verweise/Quelle |
|
1 |
Spiegel.de |
17282 |
2263 |
7,6 |
|
2 |
Heise.de / telepolis |
17390 |
1733 |
10,0 |
|
3 |
Zeit.de |
2471 |
803 |
3,1 |
|
4 |
Faz.net |
2430 |
717 |
3,4 |
|
5 |
Netzeitung.de |
3161 |
666 |
4,7 |
|
6 |
Taz.de |
2140 |
628 |
3,4 |
|
7 |
Sueddeutsche.de |
1922 |
614 |
3,1 |
|
8 |
Tagesschau.de |
6282 |
543 |
11,6 |
|
9 |
Stern.de |
1163 |
523 |
2,2 |
|
10 |
Welt.de |
1965 |
511 |
3,8 |
|
12 |
News.bbc.co.uk |
1607 |
443 |
3,6 |
|
14 |
Bild.t-online.de |
1194 |
434 |
2,8 |
|
16 |
Nytimes.com |
1713 |
340 |
5,0 |
Tabelle 5: Meistverlinkte Nachrichtenquellen nach www.blogstats.de,
30. Januar 2005
Die meist zitierten Medien der deutschsprachigen Blogosphäre sind also mit erheblichem Abstand Spiegel Online und die Internetpräsenz des Heise-Verlags. Danach folgen eine Reihe von Onlineablegern von Qualitätszeitungen und –zeitschriften, nur unterbrochen durch die ausschließlich im Internet publizierte „Netzeitung“ und die Onlineausgabe der Tagesschau. Die hohen Verweis/Quellen-Quotienten von Spiegel Online, Heise.de und auch der Onlinepräsenz der Tagesschau weisen darauf hin, dass diese Quellen bevorzugt als Lieferanten aktueller Nachrichten genutzt werden. Am häufigsten verlinkt werden offensichtlich etablierte Marken der klassischen Massenmedien. Ausländische und internationale Nachrichtenlieferanten landeten eher auf hinteren Plätzen. Verweise auf die Hauptseiten von Nachrichtenmedien kommen so selten vor (in keinem der Fälle bei mehr als 10% der Verweise insgesamt), dass auf die Angabe dieser Kenngröße hier verzichtet wird.
Für die Inhaltsanalyse stark verlinkter Weblogeinträge wurde eine Stichprobe von 729 Einträgen ermittelt, von denen allerdings nur 607 tatsächlich untersucht wurden. Die Gründe für die Entfernung der restlichen Einträge waren recht vielfältig. Acht der 100 Weblogs wurden ganz aus dem Sample entfernt, weil sie nicht der Definition entsprachen, nicht mehr erreichbar waren (in einem Fall) oder eine nähere Untersuchung ergab, dass die eingehenden Links sich mehrheitlich nicht auf Weblogeinträge, sondern auf begleitende Inhalte bezogen.
Weitere Einträge gingen bei der Analyse verloren, hauptsächlich, weil sie nicht mehr erreichbar oder gelöscht waren. Wirklich negativ wirkte sich eventuell das Fehlen zahlreicher Einträge des in der Blogstats-Liste hoch platzierten Weblogs „Industrial Technology & Witchcraft“ aus. Hier war im Dezember 2004 eine Änderung der Archivstruktur vorgenommen worden, so dass frühere Einträge nicht mehr eindeutig zugeordnet werden konnten. Letztlich sind derartige Effekte in einem solch jungen Medium natürlich zu erwarten und blieben im Rahmen des Akzeptablen.
Zu erwarten ist auch, dass die Zahl der stark verlinkten Einträge wegen der stetig wachsenden Menge von Weblogs im Laufe des Untersuchungszeitraums zunimmt, wodurch neuere Einträge besonders stark repräsentiert sind. Die Grafik (Abb. 7) bestätigt diese Erwartung eindeutig, obwohl auch überraschende Schwankungen auftreten.

Abb. 7 Codierte Einträge pro Monat (2004/05)
Die folgende Grafik (Abb. 8) zeigt die Zahl der Einträge für die zehn in der Stichprobe am häufigsten vertretenen Weblogs. Insgesamt sind 75 der nach der ersten Auswahlstufe verbliebenen 92 Weblogs[111] in der Stichprobe vertreten, 41 davon mit mindestens fünf Einträgen. Die beiden am stärksten repräsentierten Weblogs vertreten jeweils etwa 7% der gesamten Stichprobe, die zehn „Großen“ insgesamt etwa 46%. In der Weblogcommunity scheint es also die theoretisch vorausgesagte Konzentrationstendenz zu geben. Allerdings wird dieser Effekt vermutlich durch die verwendete Auswahlmethode verstärkt. Ist ein Weblog bereits bekannt, steigt natürlich auch für jeden neuen Eintrag die Wahrscheinlichkeit, die gesetzte Linkschwelle zu überschreiten.
Es fällt auf, dass die Rangliste etwas anders ausfällt als die ursprünglich verwendete Top100-Liste von Blogstats. Hier sind natürlich Weblogs stärker repräsentiert, die häufig für andere Weblogautoren interessante Einzeleinträge verfassen – so wie es im Forschungsdesign ja auch angelegt war. Das BILDblog (beispielsweise) wird dagegen vermutlich seltener wegen einzelner Einträge und oft wegen seiner generellen Konzeption und dessen konsequenter Anwendung von anderen Weblogs erwähnt. (Zumindest entstand während des Codiervorgangs dieser Eindruck.)

Abb. 8 Anzahl der codierten Weblogeinträge nach Weblogs
Schließlich lohnt sich noch ein Blick auf die Verteilung der Stichprobe in Bezug auf die eingehenden Links pro Beitrag. Obwohl die Stichprobe erst bei Einträgen mit vier eingehenden Links beginnt, lässt sich doch eindeutig eine Power-Law-Verteilung erkennen, wie sie für selbstorganisierende Netzwerkstrukturen typisch ist.[112]

Abb. 9 Verteilung der eingehenden Links in der Stichprobe
Bei der zweiten Stichprobe von Nachrichteneinträgen fand sich in der zeitlichen Verteilung und den Verlinkungen erwartungsgemäß eine ähnliche Struktur. Interessant ist hier aber vor allem, welche Nachrichtenquellen im Sample stark vertreten sind.

Abb. 10 Codierte Nachrichtenbeiträge, nach Onlinemedien
Die häufig verlinkten Einträge stammen hauptsächlich von der Onlineausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, einer Publikation mit sehr breit gefächertem Themenangebot. Die zweite häufig genutzte Nachrichtenquelle ist die Internetpräsenz des Heise-Verlags. Streng genommen besteht heise.de aus zwei Nachrichtenangeboten: einem Nachrichtenticker, der sich mit den verschiedenen Aspekten von Informationstechnik auseinandersetzt (44 Artikel in der Stichprobe) und dem thematisch breiteren Telepolis, das sich in eher essayistischer Form mit aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft auseinandersetzt (43 Artikel). Englischsprachige Nachrichtenquellen spielten fast keine Rolle, nur fünf Beiträge der BBC und des „New Yorker“ schafften es in die Stichprobe.
Zu den Quellen der in der Stichprobe untersuchten Weblogeinträge können kaum detaillierte Schlussfolgerungen gezogen werden. Es handelt sich schließlich um einen zwar relevanten, aber zahlenmäßig kleinen Ausschnitt aus der Blogosphäre. Die untenstehende Grafik zeigt jedoch, dass sich von den Einträgen mit explizitem Quellenbezug (45% der gesamten Stichprobe oder 275 Einträge) ein recht großer Anteil auf Informationen aus anderen Weblogs bezog. Hier deutet sich bereits eine gewisse Selbstbezüglichkeit der Diskussionen innerhalb der Blogosphäre an. Bezüge auf Inhalte von Offlinemedien sind ausgesprochen selten. Allerdings muss man berücksichtigen, dass gerade Tageszeitungen häufig ihre Papierausgaben oder Teile davon auch im Internet veröffentlichen.

Abb. 11 Quellen von Weblogeinträgen, nach Medienformen
Die einzelne Erhebung von konkreten Quellen ergab eine so große Heterogenität, dass sich kaum Rückschlüsse ziehen lassen. Am häufigsten wurden noch Nachrichten von Bild Online verlinkt, allerdings meistens durch das „BILDblog“, dass sich die kritische Begutachtung der Bild-Zeitung zur Aufgabe gemacht hat. Der Mangel an aussagekräftigen Strukturen ergibt sich vermutlich auch aus der Auswahlmethode: Bei quellenbezogenen Artikeln handelt es sich ja per Definition um Sekundäranalysen, die nur mit geringer Wahrscheinlichkeit ihrerseits verlinkt werden (man hat ja das Original) und damit in der Stichprobe auftauchen. Relevant sind nun mal eher originäre Webloginhalte.
Es gab allerdings drei Quellen, auf die sich auffällig häufig und von verschiedenen Weblogs - bezogen wurde:
- Ein TV-Beitrag in der SAT1-Sendung „Planetopia“, der sich mit der Blogosphäre beschäftigte und wegen journalistischer Inkompetenz scharf kritisiert wurde (in untersuchten Einträgen von vier Weblogs). Der sich darauf beziehende Bericht des „Schockwellenreiters“, dessen Autor für den Beitrag interviewt worden war, war der mit Abstand am häufigsten verlinkte Eintrag der Stichprobe überhaupt. (151 eingehende Links)
- Ein Weblogeintrag über den Versuch einer Frankfurter Boulevardzeitung, Auszüge aus Weblogs ohne Zustimmung der Autoren zu veröffentlichen. (in untersuchten Einträgen von vier Weblogs)
- Ein Weblogeintrag im „Spreeblick“ über unsaubere Geschäftspraktiken bei einer Firma, die Klingeltöne für Handys vermarktet (in untersuchten Einträgen von sieben Weblogs). Aufschlussreich war allerdings, dass selbst dieser sehr wirkungsvolle Eintrag kaum eigene Recherchen des Autors enthielt und eher eine Meinungsäußerung darstellte.
Diese Zahlen mögen nicht sehr groß erscheinen, man muss aber berücksichtigen, dass jeder der untersuchten Einträge wiederum für mindestens vier Einträge steht, die sich auf ihn beziehen. Es handelt sich also um Themen, die in der Blogosphäre recht ausgiebig behandelt wurden. Dabei fällt auf, dass alle drei Themen starke Elemente von Selbstreferenz aufweisen, auch das für eine breite Öffentlichkeit potenziell relevante letztere Thema, das eher unter dem Aspekt des Einflusses von Weblogs auf Unternehmenskommunikation und Marketing behandelt wurde. (Es gab Streit um die
Frage, ob Jamba-Mitarbeiter inkognito im „Spreeblick“ kommentiert hatten.)
Mit der ersten Stichprobe sollten die thematischen Schwerpunkte von
stark verlinkten Weblogeinträgen erfasst werden. Daher überrascht es nicht,
dass die meisten der codierten Einträge sich mit öffentlich relevanten Themen
beschäftigten. (Abb. 12) Dagegen überrascht der sehr große Anteil der Artikel,
die sich mit den Problemen der Blogosphäre auseinandersetzen. Zum Teil kann man
dies als ein Artefakt der Stichprobenauswahl erklären. Die Blogosphäre stellt
natürlich ein Interessenfeld dar, das die sonst heterogene Community der Weblogautoren
eint. Dennoch ist das Ausmaß selbstreferentieller Diskussionen in der
Weblogcommunity erstaunlich. Die erste Vermutung, dass die Selbstreferenz der
Blogosphäre sich mit zunehmendem Alter abschwächt, bestätigte sich nicht. Im
Gegenteil: Betrachtet man nur die in den letzten drei Monaten des Untersuchungszeitraums
verfassten Einträge, ist der Anteil der Metadiskussionen sogar nochmals gestiegen
(auf 48% gegenüber 43% im gesamten Untersuchungszeitraum). 
Abb. 12[113] Codierte Weblogeinträge nach Referenzsphäre
Erstaunlich ist auch, dass etliche Einträge privater Natur es bis in die Stichprobe schafften. Das Design hatte ja unter anderem das Ziel, diese für die Öffentlichkeit scheinbar nicht so relevanten Texte auszuschließen. Einträge mit privatem Hintergrund erhielten übrigens durchschnittlich deutlich mehr direktes Feedback (18 Kommentare je Eintrag) als alle Einträge der Stichprobe (12 Kommentare je Eintrag).
Die privaten Einträge können ihren Anteil auch halten, wenn der Schwellenwert von vier auf zehn eingehende Links erhöht wird.[114] Der Anteil selbstreferentieller Inhalte steigert sich sogar noch über 50%:

Abb. 13 Allgemeine thematische Ausrichtung von Einträgen mit mindestens 10 eingehenden Links
Von den 250 untersuchten Einträgen mit genau vier eingehenden Links befassten sich dagegen nur 30% mit dem Thema Blogosphäre. Diese Zahlen legen nahe, dass selbstreferentielle Einträge nicht unbedingt sehr häufig sind, sondern vor allem mit höherer Wahrscheinlichkeit verlinkt werden als solche, die den Blick nach außen wenden.
Bei den häufig verlinkten Nachrichtenbeiträgen bietet sich natürlich ein etwas anderes Bild.

Abb. 14 Allgemeiner Fokus der codierten Nachrichtenbeiträge
Der Anteil der Nachrichtenbeiträge, die sich auf die Blogosphäre beziehen, ist dennoch als erstaunlich hoch einzuschätzen, da Weblogs in den täglichen Nachrichten wohl kaum eine entscheidende Rolle spielen. Sinnvoll erscheint es nun, die thematischen Schwerpunkte der selbstbezüglichen Beiträge aus der Weblogcommunity etwas genauer zu differenzieren:

Abb. 15 Themen von selbstreferentiellen Beiträgen der Weblogcommunity
Formale (das bedeutete meistens: softwarebezogene) und inhaltliche Aspekte von Weblogs werden am häufigsten diskutiert. Das war zu erwarten, da diese Themengebiete unweigerlich jeden Weblogautoren betreffen. In die „Community“-Kategorie gingen letztlich so viele verschiedene Bezüge mit ein, dass sie für die Interpretation leider nicht sehr gut zu gebrauchen ist.[115] Zahlreiche Einträge befassten sich mit der Außenwahrnehmung der Blogosphäre (also im Allgemeinen: durch klassische Massenmedien.) Dabei stand häufig die Kritik an nach Meinung der Autoren bzw. Kommentatoren der Einträge unzureichenden oder unvollständigen Auffassungen vom Weblogphänomen im Vordergrund. Wirtschaftliche und rechtliche Aspekte des Publizierens werden ebenfalls behandelt, stellen aber keine für die Community zentralen Aspekte dar. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Weblogs spielt nur eine geringe Rolle, was aber auch an den nur wenigen Studien und Erkenntnissen liegen kann, die die Wissenschaft bisher zum Thema beigetragen hat.
Bei den codierten Nachrichtenbeiträgen dominierte die Diskussion von inhaltlichen Eigenschaften von Weblogs (47% der insgesamt 38 Beiträge). Die „Insider“themen Technik/Form, Wirtschaft und Recht kamen in der Onlinepresse eher selten und beinahe ausschließlich beim Fachorgan Heise.de vor.

Abb. 16 Schwerpunkte weblogbezogener Nachrichtenbeiträge, nach Nachrichtenquellen
Insgesamt behandelt Heise ein breiteres Spektrum an weblogbezogenen Themen, während thematisch breiter angelegte Massenmedien insgesamt eher an den Inhalten[116] von Weblogs interessiert sind. Hier liegt vielleicht ein Teil der Erklärung für die hohe Anziehungskraft der Berichterstattung von Heise.de für eine Verlinkung in Weblogs.
Den Kern der Analyse bilden die Weblogeinträge, die inhaltlich über die unmittelbaren Umstände des Weblogschreibens hinausgehen. Von diesen 288 der insgesamt 607 codierten Einträge wird auf den folgenden Seiten die Rede sein.

Abb. 17 Weblogeinträge mit Öffentlichkeitsbezug, nach Themenfeldern
Die Aufschlüsselung nach öffentlich relevanten Themenfeldern ermöglicht überraschend deutliche Aussagen. Der Großteil der Einträge sammelt sich rund um Fragen von öffentlicher Kommunikation im weiteren Sinne.[117] Die bevorzugten Themen in der Weblogcommunity sind (neben Weblogs) Entwicklungen in der Informationstechnik, die Diskussion von Massenmedien und kulturellen Erzeugnissen. Diese drei Bereiche erreichen zusammen einen massiven Anteil von 84% der codierten Einträge mit öffentlich relevanten Themen.
Einige politische Einträge sind vorhanden, aber es kann kaum behauptet werden, dass die deutsche Weblogcommunity von der Diskussion politischer Themen geprägt ist. Meist ging es um innenpolitische Fragen (73% der 41 Einträge), allerdings nicht immer um „große“, landesweit relevante Politik, sondern auch um Diskussionen innerhalb politischer Lager oder auf der Ebene von Studentenvertretungen. Besonders überraschend ist das fast völlige Fehlen von Einträgen, die sich mit ökonomischen Themen beschäftigen. Mit Wirtschaft beschäftigen sich also entweder nur wenige Weblogs[118], oder sie finden in der Community kaum Beachtung.
Interessant ist die deutlich veränderte Verteilung, wenn man nur die 94 jüngsten Einträge (nach dem 1. November 2004) betrachtet, um Anhaltspunkte zu erhalten, in welche Richtung sich die Blogosphäre inhaltlich bewegt[119]:

Abb. 18 Weblogeinträge mit Öffentlichkeitsbezug nach dem 1.11.04, nach Themenfeldern
Schauen wir auf die genauere Differenzierung des Themenfelds Informationstechnik, fällt die hohe Bedeutung von Internetsoftware ins Auge. Hardware und Telekommunikationsgeräte spielen eine untergeordnete Rolle. Die Dominanz der Informationstechnik als Themenbereich lässt sich übrigens auch nicht mit einem übergroßen Einfluss einiger herausgehobener Knoten erklären, die so codierten Einträge verteilten sich auf 32 verschiedene Weblogs – von 75 insgesamt in der Stichprobe vertretenen. (Ähnliches gilt übrigens für auf Kultur, Massenmedien oder Politik fokussierte Einträge.)

Abb. 19 Unterkategorien von Einträgen, die sich auf Informationstechnik beziehen
Innerhalb der Kategorie „Medienart“ dominierte die Diskussion über Presseerzeugnisse, die allerdings vor allem in Form von Kritik an journalistischer Arbeit im boulevardzeitungskritischen „BILDblog“ stattfand. Fernsehsender (bzw. das Fernsehen) und Onlinemedien standen ebenfalls im Blickpunkt zahlreicher Einträge. Auf die Beobachtung von Massenmedien spezialisiert haben sich eine Reihe von Weblogs, die auch in der Stichprobe vorkamen – neben dem „BILDblog“ beispielsweise auch „Medienrauschen“ und der „Dienstraum“. Diese Seiten arbeiten erkennbar mit einem gewissen professionellen Anspruch, der sich in regelmäßigen Einträgen, einer formalen Uniformität dieser Einträge und sorgfältiger Verlinkung relevanter Webseiten niederschlägt. Vergleichbare Weblogs für Politik und Wirtschaft sind praktisch nicht vorhanden.

Abb. 20 Unterkategorien von Einträgen, die sich auf Massenmedien beziehen
Bei den Einträgen mit kulturellem Bezug (Abb. 21) dominiert etwas überraschend die Beschäftigung mit Literatur. Der Hauptgrund dafür ist die Einbeziehung von öffentlichen Lesungen in diese Unterkategorie. Bei einem guten Teil der beschriebenen Lesungen handelte es sich um Lesungen von Webloginhalten, insbesondere Promotionsveranstaltungen zum Erscheinen des Sammelbandes „Blogs!“